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Abschlussbericht Verena

Oktober 2008  
 

Nun sind mein Auslandsjahr und mein einjähriger Freiwilligendienst in den Zentren der ACEISB zu Ende gegangen. Viel ist noch in den letzten Monaten passiert.

Hausaufgabenbetreuung

Nachdem in Las Torres einige Mitarbeiter gegangen waren und nicht so schnell Ersatz gefunden werden konnte, arbeiteten Adam und ich als beinahe vollwertige Mitarbeiter des Zentrums.
Diese Wochen und Monate waren eine schwere Zeit in Las Torres. Morgens hatten wir die Kinder gut unter Kontrolle und die Arbeitsatmosphäre war sehr angenehm.
Aber die Nachmittagsgruppe war sehr unruhig. Es waren auch mehr und ältere Kinder da als vormittags. Es machte sich bemerkbar, dass das Zentrum personell unterbesetzt war. Nach Gesprächen mit Astrid, der Psychotherapeutin, organisierten wir uns neu, formulierten die Regeln etwas strenger und der Tagesplan wurde straffer durchgezogen. So mussten sich auch die Unruhestifter wieder stärker eingliedern und waren beschäftigter.
Es war aber gleichzeitig auch eine sehr intensive Zeit mit den Kindern, da Adam oder ich oft einen ganzen Tisch alleine beaufsichtigen mussten und selbst ständig gefordert waren.

Stabpuppen-Theater-Projekt mit den Kindern der Vormittagsgruppe

Wie schon im letzten Zwischenbericht erwähnt, hatten wir nach Ostern mit dem Märchen- und dem Sonnensystemprojekt begonnen.
Ersteres entwickelte sich in der Vormittagsgruppe zu einem Theater-Projekt: Wir begannen mit den Kindern Stabpuppen zu bauen. Jedes Kind durfte seine Stabpuppe nach eigenen Vorstellungen gestalten. Dazu gehörte es, sich zuerst überhaupt einmal einen Charakter auszusuchen. Dabei konnten sie auf zuvor gelesene Märchen und Geschichten zurückgreifen oder sich eine ganz eigene Figur ausdenken.
In der kleinen Holzwerkstatt des Zentrums Las Torres begannen die Kinder um Holzstöcke Zeitungspapier zu knüllen und um dieses wiederum mit Ton den Kopf zu modellieren. Anschließend wurden einige Schichten aus Zeitungspapier und Kleister aufgetragen. Diese Arbeit kam bei den Kindern teilweise gut, teilweise weniger gut an. Viele ekelten sich anfangs etwas vor dem Kleister, einem aufgekochten Gemisch aus Wasser und Maisstärke.
Den Kindern wird von klein auf eingebläut, Schmutz aus dem Weg zu gehen und sich nicht dreckig zu machen. Dies rührt daher, dass eben kaum Wasser in den Haushalten vorhanden ist, um die Kleider der Kinder ständig zu waschen, sie gleichzeitig aber in einer Stadt leben, in der die Straßen und die Luft völlig verschmutzt sind.
So wurden dann eben die Ärmel hochgekrempelt und mit spitzen Fingerchen gearbeitet, um doch mit dem Kleister arbeiten zu können. Bei den Jungen ließ sich die eine oder andere Kleisterschlacht aber dennoch nicht vermeiden.
Nach dem Kopf ging es an das Bauen des Körpers. Einige Kinder, die sich mit dem Auftragen der Pappmaschee-Schichten des Kopfes schwer getan hatten, arbeiteten hier mit viel Eifer die Hände aus, hantierten mit Säge und Feile, Leim und Schraubzwingen.
Natürlich gibt es in einer Werkstatt immer einiges an Gerätschaften, deren Gebrauch sich nicht ungedingt gegen den nächsten Mitmenschen richten sollte. Immer wieder mussten Adam und ich die Kinder ermahnen und im Extremfall die der Werkstatt verweisen, die Sägen und Hämmer auf andere richteten und – wenn auch im Spiel – damit bedrohten.
Im Allgemeinen war die Arbeitsatmosphäre in der kleinen Werkstatt aber sehr schön. Es lief immer Musik und wir erlebten dort viele arbeitsintensive Momente und in ihre Arbeit versunkene Kinder.
Nachdem der „Rohbau“ der Puppe fertig war, ging es an die Ausarbeitung und Gestaltung der Puppe. Die Kinder bemalten die Puppen, klebten ihnen Wollhaare an den Kopf und sie wurden mit Details wie Ohrringen, Kronen, Schwertern, usw. ausgerüstet.
Dies war der Teil der Arbeit, an den jedes Kind mit Motivation heranging und mit Begeisterung ausarbeitete.
Die Mutter von Gisela Garcés, der Koordinatorin aller Zentren, Señora Pastora, half Adam und mir, mit den Kindern die Puppenkleider zu nähen. Mit der Hilfe aller Mitarbeiter des Zentrums Las Torres, Señora Pastora und Gisela Garcés, die mit uns auch noch an den Wochenenden nähten, entstanden elf prächtig gekleidete Puppen und elf stolze Besitzer.
Schon während des Bauens der Puppen reifte der Entschluss der Kinder heran, mit den Puppen auch tatsächlich ein Theaterstück aufzuführen. Adam und ich hatten dies anfangs noch offen gelassen, da wir uns der davonrennenden Zeit durchaus bewusst waren.
So arbeiteten wir mit den Ideen zu den Charaktereigenschaften der Puppen, die sich jedes einzelne Kind zu seiner Puppe überlegt hatte, ein kleines Theaterstück aus mit dem Titel „Había una vez en Las Torres….“ („Es war einmal in Las Torres….“).
Wir hatten bis zur Aufführung noch ungefähr einen Monat Zeit, um zu proben.
Mit den Kindern, die keine Puppe gebaut hatten, bauten, bastelten und bemalten wir mit Hilfe von Dilia und Carla die Kulissen für das Theater.

Sonnensystem-Projekt mit den Kindern der Nachmittagsgruppe

Da die Kinder der Nachmittagsgruppe oft von der Schule aus mehr Hausaufgaben zu bewältigen hatten und weniger Zeit blieb, mit ihnen Aktivitäten durchzuführen, konnten wir diese Kinder nicht in das Stabpuppen-Projekt mit einbeziehen.
Wie schon im letzten Bericht erwähnt, kamen in dieser Gruppe sehr viele Fragen auf, die mit dem Verständnis unseres Sonnen- und Planetensystems zusammenhängen. So begannen wir mit den älteren Kindern Informationen über die Planeten zu sammeln, die Rotation der Planeten um die Sonne zu erklären.
Nach einem kostenlosen Besuch aller Kinder der Hausaufgabenbetreuungszentren Los Cujicitos und Las Torres im Planetarium Humboldt im Ostpark von Caracas begannen wir mit der plastischen Ausarbeitung der Planeten aus Pappmasche. Zusätzlich noch zu dem Kleister für die Stabpuppen stellte die Köchin von Las Torres nun auch Unmengen davon für die Planeten her.
Nachdem alle Planeten einigermaßen rund getrocknet waren, begannen die Kinder mit der Gestaltung der Oberfläche der Planeten. Gasplaneten wurden mit Seidenpapier verkleidet, Planeten aus Gestein wurden bemalt.
Als alle Planeten fertig waren, malten Adam und ich auf einen Teil der Decke einen Sternenhimmel, das Universum, und alle Planeten wurden an Aluminiumstäbe gehängt und in Form eines Mobiles an der Decke befestigt.

Präsentation der Projekte

Nach dieser langen Schaffensphase, die für Kinder wie Erzieher oft sehr anstrengend war, kam es schlussendlich zur Präsentation.
Das Theaterstück spielten wir einmal für jedes der Zentren der Asociación. An aufeinanderfolgenden Tagen kam uns immer ein Zentrum besuchen, um sich das Theaterstück „Había una vez en las Torres…“ anzusehen.
Mit der ersten Aufführung der Kinder kam auch deren schon verloren geglaubte Motivation zurück und mit viel Stolz präsentierten sie ihre Puppen und das Theaterstück den jüngeren Kindern des Zentrums Catuche und den Kindern des anderen Hausaufgabenbetreuungszentrums Los Cujicitos.
Das größte Event für die Kinder und für uns war allerdings der Tag, an dem wir das Theater und das Sonnensystem den Eltern, den Mitarbeitern der Asociación und allgemein der Gemeinde von las Torres vorstellten.
Es war morgens eine Vorstellung geplant und nachmittags. Alle Kinder waren unglaublich aufgeregt.
Nach einer großen Werbeaktion mit Plakataushang und einem Rundlauf mit dem Megafon durch alle Gässchen und Winkel des Barrios kamen auch tatsächlich zu allen Vorstellungen Besucher: Vereinzelt Eltern, was ich sehr schade fand, da die Anerkennung der Eltern für die Kinder sehr wichtig ist, viele ehemalige Schüler des Zentrums, was wiederum sehr schön war und viele Kinder, Alte und Mütter aus dem Barrio.
Zur Nachmittagsvorstellung kamen sogar so viele Menschen, dass nicht ausreichend Platz für alle vorhanden war. So kam es zu einer zweiten Vorstellung, die ebenfalls nochmals recht gut besucht war.
Im Eingangsbereich waren Tische aufgestellt, beladen mit Kuchen, Kaffee, Fruchtsäften und verschiedenen Handarbeiten der Kinder, die zum Verkauf angeboten wurden.
So hatten wir alle, Erwachsene und Kinder, einen ereignisreichen, aber vor allem erfolgreichen Tag. Die Kinder waren gegen Ende richtig müde, aber sehr stolz und zufrieden.
Es kommt, denke ich, nicht so oft vor im Leben dieser Kinder, durch gute Leistungen Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen.

Das Schöne des Theaterprojekts war natürlich einerseits das sichtbare Ergebnis, die Puppen und die Vorführung des Theaterstücks. Aber auf der anderen Seite haben die Kinder auch auf anderer Ebene einiges lernen müssen.
Zuerst ging es einmal darum, die Phantasie der Kinder anzuregen, sie dazu zu bringen, sich auf die Märchen- und Geschichtenwelt einzulassen.
Bei der Gestaltung der Puppen würden handwerkliche Fähigkeiten erprobt und erlernt. Die Kinder mussten sich immer mal wieder in Geduld üben, was ihnen oft sehr schwer fiel.
Aber ganz entscheidend war der gemeinschaftliche Prozess, der in der Gruppe der Puppenbauer stattgefunden hat. Einige der Puppen sind nur deswegen fertig geworden, weil ein Kind ein anderes unterstützt hat.
Das Proben funktioniert generell nur, wenn man als Gruppe zusammensteht und sich gegenseitig respektiert. Damit hatten viele der Kinder schwer zu kämpfen. Immer wieder mussten Adam und ich hart durchgreifen, wenn es hinter den Kulissen wieder zu einem Gerangel kam. „Wenn der mitspielt, mach ich nicht mehr mit!“ oder „Der kann überhaupt nicht gut spielen, der versaut uns das ganze Stück!“ Aussprüche wie diese flogen uns so gut wie jeden Tag um die Ohren. Anfangs versuchten Adam und ich noch zu schlichten und mit Engelszungen auf die Kinder einzureden, aber irgendwann war ein Punkt erreicht, an dem wir dazu nicht mehr die Kraft hatten. Irgendwann hieß es nur noch: „Entweder du spielst mit und benimmst dich oder du verlässt die Gruppe und nimmst an einer anderen Aktivität teil.“
Und komischerweise funktionierte es plötzlich. Als die Kinder merkten, dass ihnen durch Rebellion keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt wurde, versuchten sie es auf anderem, positivem Weg.
Einen einzigen Fall hatten wir, der für Adam und mich sehr traurig war: José, ein Kind, das sehr verhaltensauffällig ist, wurde nur unter der Bedingung wieder ins Zentrum gelassen, dass es sich benehme. Nach mehrmaligen Ermahnungen und Gesprächen mit seiner Mutter, wurde er dann ausgeschlossen. Das fand ich sehr schade, da er eines der Kinder war, die sich am meisten auf das Puppenbauen eingelassen hatten.

Abschied von den Kindern

Tja - und dann kam auch schon sehr schnell der endgültige Abschied von den Kindern mit dem letzten Schultag in Las Torres.
Es war noch ein sehr schönes Fest. Adam und ich bereiteten verschiedene Spiele vor. Es gab Musik, wir haben viel getanzt und zum Schluss gab es noch eine kleine Überraschung seitens des Personals. Señora Pastora, die Mutter von Gisela, hatte mit einigen Mitarbeitern der Hausaufgabenbetreuungszentren kleine Sketche eingeübt.
So spielten dann Señora Francisca, die Putzfrau des Zentrums, Gladys, eine der Lehrerinnen, Adam und ich „Una niña tocando piano o quién sea sordo“ („Ein Klavier spielendes Mädchen oder wer ist taub“) für die Kinder. Diese amüsierten sich prächtig über vier ziemlich dämlich aussehende Erwachsene.
Der Abschied ging dann relativ schnell. Es war traurig, aber irgendwie hatte ich noch nicht realisiert, dass es bei vielen Kindern wahrscheinlich ein Abschied für immer war…

Die letzten Wochen…

Nachdem die Kinder dann in die Ferien verabschiedet worden waren, halfen Adam und ich noch knapp zwei Wochen bei Aufräumarbeiten in den Zentren. Dies fand ich nochmals sehr schön, da es somit ein sehr langsames Abschiednehmen war. Immer wieder kamen Kinder zu den Zentren, um uns zu besuchen. Wir hatten noch eine Zeit des Zusammenseins mit den Mitarbeitern und konnten verschiedene Dinge ordnen und regeln.

Und nach einigen Wochen, in denen wir bisher noch unbekannte Teile Venezuelas bereist haben, ging es wieder nach Deutschland zurück.
Auf dem Rückflug hatten wir klare Sicht über Europa und alles sah vertraut, aber doch so anders aus.
Als wir aus dem Flugzeug ausgestiegen sind, mussten wir durch eine Passkontrolle und die Frankfurter Flughafenpolizei hat uns freundlich durchgewinkt. Dies war mein erstes eindrückliches Ereignis auf deutschem Boden. Nun heißt es nämlich wieder „die Polizei, dein Freund und Helfer“ und nicht mehr „wenn du Polizei siehst, immer Straßenseite wechseln…man weiß ja nie…“
Jetzt bin ich schon wieder einen Monat hier in Deutschland. Ich glaubte anfangs, ich würde in ein totales Loch fallen, nach einem Jahr Venezuela wieder zurück in Deutschland zu sein. Wo doch Kultur und Lebensgefühl ganz andere sind. Doch bisher muss ich sagen, dass sich der deutsche Boden unter mir recht stabil und hart anfühlt… Oft denke ich an Venezuela zurück. Trotz der Kriminalität, der mangelnden Sicherheit auf öffentlichen Straßen, der sehr schlecht entwickelten Infrastruktur… habe ich dort eines der sonnigsten Jahre meines bisherigen kurzen Lebens verbracht. Die Lebensfreude der Menschen, die ihnen trotz aller Widrigkeiten nicht abhanden gekommen ist, ihre Ausgelassenheit und Spontaneität haben, denke ich, ihre Spuren in mir hinterlassen und ich hoffe, ich kann mir einiges davon hier in Deutschland bewahren. Vieles, was in Venezuela für mich viel einfacher war, geht hier in Deutschland wieder schwer und vieles, was hier Selbstverständlichkeit ist, ist dort mühsam und eine Geduldsprobe.
Ich glaube, durch mein Jahr in Venezuelas Hauptstadt habe ich sehr viele Dinge, die mir noch vor einem Jahr selbstverständlich vorkamen, neu schätzen gelernt. Auf offener Straße ertappe ich mich manchmal noch, wie ich meine Tasche fest im Griff habe, bis mir dann einfällt, dass ich mich in Tuttlingens Innenstadt befinde und keinerlei Gefahr droht.
Ich kann wieder einfach aus der Tür treten und atme frische Luft, es ist sauber, ich kann joggen gehen….
Ich denke, dieses Jahr in den Zentren der ACEISB, dem Partnerverein des Freundeskreises Las Torres, wird mir unvergesslich bleiben und ich danke allen, die es möglich gemacht haben.

 
     
 
   
     
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