Logo
Header
  Header links Header Rechts  
Startseite > Freiwillige > Berichte
 
 

 

    Bericht im PDF-Format:PDF  
 

Abschlussbericht von Ruth

Oktober 2010  
 


Wiederkommen ist doch ganz einfach. Zum Flughafen fahren, einchecken, einsteigen, Filme gucken, essen, schlafen und zack biste wieder da. Wiedergekommen. Zurückgekehrt. Willkommen.
 
Leider ist das alles nicht so einfach, wie es sich anhört. Aber bis es zum Rückkehren kam, ist erst einmal noch ganz viel passiert.

Nachdem wir mit unseren Projekten¹ begonnen hatten, ging auch irgendwie alles ganz schnell. Wir haben angefangen, die Störche zu basteln, was natürlich erst einmal ein einziges Chaos war. Zwar weiß man nach einem halben Jahr Venezuela, dass eigentlich nichts auf Anhieb klappt und immer alles anders wird als man denkt, doch das vergisst man auch allzu schnell. Eine organisierte und strukturierte Durchführung war gefragt. Klingt furchtbar deutsch und ist es auch, hat aber funktioniert. In Kleingruppen haben wir nach und nach eine Sammlung von Jorges und Jorginas gebastelt, wobei die Motivation der Kinder sehr unterschiedlich war. Einige haben sich wirklich unendlich viel Mühe gegeben und stundenlange Arbeit in die Vollendung ihres kleinen Kunstwerkes gesteckt. Andere Kinder haben eher nach dem Motto „Na, wenn‘s denn sein muss“ gewerkelt, wobei man sagen muss, dass dabei erstaunlich kreative und interessante Störche herausgekommen sind. Simon² zum Beispiel hat seinen Storch in nur einer halben Stunde erstellt, aber den zweiten Platz bei der abschließenden Prämierung erlangt.

Mit den Cujicitos-Kindern haben wir etwas anders gearbeitet, da wir erst relativ spät überhaupt in dem Zentrum angefangen haben und auch nur zwei Nachmittage pro Woche zur Verfügung standen, haben wir uns dazu entschieden, nur einen großen Storch zu basteln und so eine Gemeinschaftsarbeit zu erstellen. Leider haben wir uns wohl die falschen Tage ausgesucht, denn immer wieder kam es zu Ausfällen oder besonderen Aktionen, wodurch wir häufig zurückstecken mussten und den Storch dort nur sehr knapp fertig bekommen haben. Da die Beine aus Cola Dosen nicht so wollten, wie die Kinder sich das vorgestellt hatten - der Storch war einfach zu schwer -, wurde kurzerhand umdisponiert und aus Jorge wurde Jorgina und statt der Beine gab es ein Storchennest.

Das Schwierigste an der Arbeit war, die Kinder zu eigenen Ideen zu motivieren. Immer wieder wurde gefragt, wie man dies und jenes macht und woraus und überhaupt in welcher Farbe. Nur sehr schwerfällig ließen sich die Kinder dazu ermutigen, Eigenes auszuprobieren und eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Fängt ein Kind etwas an, machen fünf andere es nach. Viele haben sich auch sehr von dem im Buch abgebildeten Jorge beeinflussen lassen. Mit ein bisschen Zeit und ein paar unauffälligen Anregungen haben einige jedoch richtige Originale fabriziert. Zum Staunen, Lachen und Schön-Finden.

Neben dem Storchenprojekt haben wir mit den Nachmittagskindern weiter an dem Jonglage Projekt, dem Poí- bzw. Swing-Projekt, gearbeitet. Hierbei stand vor allem Darren im Vordergrund, da ich in dieser Beziehung zwei linke Hände zu haben scheine. Unterstützt wurde Darren von Julio, einem Freund, der auch in der „Jungen ACEISB“ aktiv ist und zweimal in der Woche in die Zentren kam, um zusammen mit uns und den Kindern an Technik und Choreographie zu feilen.

Die Vorstellung der Projekte war dann noch einmal ein richtig schöner Tag. Wir haben einen Bazar in Las Torres veranstaltet und die innerhalb des Jahres entstandenen Bastelarbeiten zum Kauf angeboten. Außerdem gab es Essen und Getränke, alles zubereitet und bereitgestellt von den vier Zentren, Eltern und freiwilligen Helfern aus der Nachbarschaft. Es war wirklich toll, wie viel an dem Tag zusammengekommen ist und wie bereitwillig alle mitgemacht haben. Die beiden Highlights an dem Tag waren zum einen die Show, bei der natürlich die im Poí-Projekt entstandenen Choreographien aufgeführt wurden. Außerdem haben einige Kinder Tänze (modern und traditionell) mit den Maestras vorbereitet. Der besondere Höhepunkt war jedoch das Storchenmuseum. Auf dem Sportplatz von Las Torres (oben auf dem Dach) haben wir Tische aufgebaut, Bücher und Broschüren von Petoschu (dem Künstler aus Mülheim) ausgelegt, Infoplakate zu Störchen aufgehängt und natürlich die entstandenen Kunstwerke ausgestellt. Da alles so schön und wichtig zurechtgemacht war, waren die Kinder natürlich besonders stolz, ihren Eltern und Großeltern ihr Meisterstück in einem „Museum“ präsentieren zu können. Um die Störche auszuwählen, welche letztendlich die weite Reise nach Deutschland antreten sollten, haben wir eine Jury bestehend aus Obdulia und zwei neutralen Elternvertretern einberufen. Insgesamt sechs Störche wurden ausgewählt, den Weg nach Deutschland in das Museum von Petoschu anzutreten. Bei der Siegerehrung konnte jedes Kind neben einer kleinen Prämie und natürlich dem Buch von Jorges Suche, vor allem einen riesigen Applaus entgegennehmen. Die roten Wangen und die stolzen Gesichter verstehen sich von selbst.

Dieser Tag war wirklich schön, da zum einen die Kinder, ihre Arbeit und Mühen und ihr großer Auftritt im Mittelpunkt standen, aber auch, da alle Maestras und das ganze Team der ACEISB vertreten war und mitgeholfen haben, wo es nur ging. Auch die „Junge ACEISB“ war fast vollständig vertreten und hat einen wichtigen Beitrag geleistet. Auch für mich war es schön zu merken, dass die viele Kraft und Ausdauer, die ich in den ganzen Monaten vor allem in das Storchenprojekt gesteckt habe, sich gelohnt haben und wir alles zu einem wirklich guten Abschluss gebracht haben.

Abschluss. Ein gutes Stichwort. Oder auch nicht. Nach dem Bazar, auf den wir alle so beharrlich und konzentriert und auch gestresst hingearbeitet haben, kam so schnell und meiner Meinung nach ganz plötzlich der Abschied von den Kindern. Natürlich kann man die Ferien in Venezuela nicht ohne Party beginnen und so haben wir mit der „Jungen ACEISB“ und den Maestras zwei Abschiedspartys vorbereitet (eine in Las Torres und eine in Cujicitos). Da gab es dann noch einmal das volle Programm venezolanischen Temperaments, Verrücktheit, tänzerischen Könnens, und Ausgelassenheit. Gespielt, getanzt, gelacht und schon waren die Stunden vorbei und ganz plötzlich wurde mir bewusst, dass vorbei dieses Mal wirklich vorbei bedeutet. Und Abschied heute in den meisten Fällen auch Abschied für immer bedeutet. Mir fiel der Abschied unheimlich schwer. So hat man doch diese ganzen lieben, verrückten Kindern mit all ihren Macken ins Herz geschlossen. Auf einmal hatte ich das Gefühl, viel zu wenig mitgenommen zu haben, zu viel verpasst zu haben und noch viel mehr Zeit zu brauchen, doch schon war alles vorbei. Viele Kinder konnten meine Tränen gar nicht verstehen. „Warum weinst du Profe?“ „Weil ich euch alle nach den Ferien gar nicht wiedersehe. Ich muss jetzt zurück nach Deutschland.“ „Hä? Aber du gehst doch jeden Tag nach Deutschland, da kommst du doch her.“ „Ich komme aus Deutschland, aber dieses Jahr habe ich doch bei euch in Venezuela gewohnt. Und jetzt fliege ich wieder nach Hause zu meiner Familie.“ „Ach so, aber wenn es doch Flugzeuge gibt, dann kommste einfach nach den Ferien wieder. Ich mach doch auch Urlaub in Valencia. Da musst du nicht weinen, Profe.“
 
Da muss man aber dann doch ein bisschen lachen. Andere Abschiede sind aber auch sehr emotional verlaufen und als selbst einigen Kindern die Tränen über die Wangen gelaufen sind, wusste ich gar nicht mehr, was ich machen sollte. Man teilt so viel mit den Kindern und die Kinder haben so viel mit uns geteilt, Geheimnisse, Sorgen, Fragen, Ideen… Man kommt vielen sehr nahe und bekommt sehr viel von ihnen zurück. Mir ist es enorm schwergefallen, das alles einfach so stehen zu lassen.
          
Mit dem Abschied der Kinder ging der Marathon des „Auf-Wiedersehen-Sagens“ ja erst so richtig los. Maestras und Mitarbeiter, Freund, Nachbarn…. Und immer wieder die geliebte Herzlichkeit. Allerdings ist mir in diesem vielen Verabschieden aufgefallen, dass gerade die Menschen im Barrio das alles einfacher nehmen können. Klar sind auch sie traurig und bestimmt waren die schönen Worte auch so gemeint, allerdings wissen sie auch, dass man das Leben so nehmen muss wie es ist und es sich nicht lohnt, etwas hinterher zu weinen, was unveränderbar einfach so ist.

Die letzten Tage und Wochen habe ich in vollen Zügen genossen und hätte am liebsten ein Dose von dieser Zeit und diesem Land eingepackt, um ganz viel von dem Lebensgefühl mitzunehmen, was mich anfangs noch so erschreckt hatte. Kaputte Busse, laute Musik, Leben vor der Haustür, Gemeinschaft und die ganz andere und doch so vertraute Lebensweise.

Zum Flughafen fahren, einchecken, einsteigen, Filme gucken, essen, schlafen und zack biste wieder da. Wiedergekommen. Zurückgekehrt  Willkommen.
 
Schon der erste Teil ist nicht immer so einfach, wie man denkt, doch nach anfänglichen Schwierigkeiten saßen wir schließlich im Flugzeug nach Deutschland. Wir haben Filme geguckt, gegessen und geschlafen und dann waren wir wieder da. Hallo Deutschland. Das erste Erlebnis war ein unheimlich unfreundlicher Zollbeamte, der sich über die fehlenden Kenntnisse der deutschen Sprache bei venezolanischen Mitreisenden beschwert hat. Ein eher ernüchternder Willkommensgruß.

Der große Schreck, der Kulturschock, das schlimme Erwachen hat jedoch gefehlt. Deutschland ist wie immer und alle meine Lieben auch. Und trotzdem ist es nicht so einfach, wieder da zu sein. Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich sehnsüchtig an Venezuela denke und mir vieles fehlt und sei es nur, dass der Bus hält, wenn ich laut rufe, ich mich ärgere über die ewige Unpünktlichkeit oder zufrieden grinse, wenn drei zahnlose Opas Rum trinkend auf der Straße Salsa tanzen.

Vieles ist jedoch auch so schön und beruhigend hier in Deutschland. Die Sicherheit ist ein wunderbares und befreiendes Gefühl, auch wenn es noch nicht wieder voll hergestellt ist. Vor zwei Wochen habe ich mich erschrocken, als ein Junge im Dunkeln auf einmal an mir vorbeirannte, um den Zug noch zu erwischen. Meine Geldbörse liegt niemals unbeaufsichtigt auf dem Tisch herum, im Bus sitze ich grundsätzlich auf dem Gang-Platz und Handtaschen gehören vor den Bauch!

Ein schönes Ereignis hier in Deutschland war die Übergabe der Störche an den Mülheimer Künstler. Zusammen mit Christel, Lothar und den neuen Freiwilligen – Moritz und Christina – waren wir in seinem Atelier und haben unter lokalem Presseaufgebot die Kunstwerke übergeben. Das war schon ein tolles Gefühl, die Schmuckstücke „unserer“ Kinder inmitten einer Sammlung von skurrilen und liebevoll gewerkelten Störchen und Spielzeugen von Kindern aus aller Welt zu sehen. In dem Moment waren Venezuela, Las Torres, Josué, Fabiana und all die anderen wieder einmal ganz nah.
 
Ich bin unheimlich froh, das letzte Jahr erlebt und gelebt zu haben. Ich nehme so viel mit und habe so viel gelernt und erfahren. Das Gefühl, ein Teil von diesem Projekt, ein Teil der vielen Mitarbeiter zu sein, macht mich stolz und froh. Ich hoffe, dass auch die Kinder und Menschen ein wenig von mir gelernt und mitgenommen haben. Ich weiß, dass ich nicht die Welt verändert habe, aber ein kleines bisschen habe ich dazu beigetragen. Ein „Tropfen auf den heißen Stein“, wie es so schön heißt im ersten Film von Las Torres. Durch den Freundeskreis, die Freiwilligen und die Asociación ist der Tropfen allerdings schon ziemlich groß und höhlt stetig weiter. Das Schöne ist, dass wohl nie die Motivation enden wird, denn die Kinder mit ihren Sorgen, Problemen und dem dankbaren Lachen machen das unmöglich.

Ich möchte mich bei allen bedanken, die mir und den vielen Freiwilligen diese besondere Erfahrung ermöglichen. Außerdem Danke an alle, die dieses Projekt und damit die Kinder unterstützen und ihnen glückliche Momente bereiten und vielleicht einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Gewalt und Armut ermöglichen.

¹ Ihre Projekte haben Ruth und Darren in ihrem 2. Bericht ausführlich beschrieben.

²Die Namen wurden geändert.

 
     
 
   
     
© 2011 - Freundeskreis Las Torres e.V. / Impressum / Kontakt