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Wieder einmal sind 4 Monate vorbei. Ich weiß, das sagt jeder, und trotzdem muss ich es wiederholen: Die Zeit rennt wie verrückt! Hier meine Erlebnisse seit dem letzten Bericht:
Küche
Nach den Weihnachtsferien haben Darren und ich nicht sofort in Las Torres angefangen, sondern erst einmal zwei Wochen in den Küchen verbracht, je eine Woche im Maternal mit Trina und Zoraida und eine in El Retiro bei Aidé und Tibisay.
Zwischen den beiden Küchen liegen Welten! Die Arbeit im Retiro ist ein richtiger Knochenjob, frühes Aufstehen und arbeiten im Akkord. Es sind nun mal mit dem ganzen Personal knapp 80 Personen, die satt gemacht werden möchten. Trotzdem hat mir die Arbeit richtig Spaß gemacht und ich bin nachmittags durchgeschwitzt und erschöpft, aber glücklich nach Hause gekommen.
Die zweite Woche im Maternal war dagegen Entspannung pur. Für 20 kleine niñitos (Kleinkinder) und eine handvoll Maestras zu kochen ist eben etwas anderes. In dieser Woche war genug Zeit, mich in die Geheimnisse der Empanadas, Guçacaca und des Pabellón einzuführen.
Las Torres
Nach dieser kulinarischen Exkursion wechselten wir gemeinsam nach Las Torres, wo ich mich von Anfang an sehr wohl gefühlt habe. Die Atmosphäre ist im Gegensatz zum Préescolar viel entspannter und ruhiger. Die Maestras sind sehr motiviert und versuchen, so viele von ihren kreativen Ideen mit den Kindern umzusetzen wie es eben geht.
Vor allem die Hausaufgabenhilfe macht mir Spaß. Nach dem Hausaufgabenteil ist immer Zeit zum Spielen und Basteln und jede Idee von Darren und mir konnten wir ohne Probleme mit den Kindern umsetzen, sei es Namensschilder basteln, Kerzen ziehen, Pappmaché-Arbeiten....
Die neusten „Errungenschaften“ der Asociación sind die Lehrer für Sport und die Tischlerwerkstatt. Jeden Vormittag und Nachmittag kommt einer der beiden, um mit einem Teil der Kinder zu werken oder Sport zu treiben. Meiner Meinung nach sind die beiden neuen Lehrer wertvolle Bereicherungen für die Zentren. Sie können wunderbar mit den Kindern umgehen und machen nach meiner Einschätzung eine sehr gute Arbeit.
Die Kinder
Las Torres ist eindeutig eine andere Welt als Cotiza. Die Armut, die in den Zentren Cujicitos und Retiro entweder gut versteckt wird oder einfach nicht so groß ist, ist in Las Torres umso auffälliger. Einige Kinder kommen täglich mit der gleichen (dreckigen) Kleidung und zu kleinen/großen oder kaputten Schuhen. Außerdem gibt es immer wieder Probleme mit Läusen (bis hin zu meinem Kopf), trotz des Gratisshampoos, das an die mittellosen Familien verteilt wird. Das trifft nicht auf alle zu, jedoch scheint es mehr dieser Familien zu geben als unten in Retiro und Cuijcitos.
Eines der schwierigsten Kinder ist Carola (Name geändert). Sie ist 6 Jahre alt, geht ins erste Schuljahr und kommt aus einer der ärmsten Familien. Sie hat 4 Geschwister (das 5. ist unterwegs) von denen es keinen einzigen Papa gibt. Sie wohnt mit ihrer Mutter, ihren Geschwistern, ihrer Tante und ihrem Opa in einer winzig kleinen „Hütte“ ganz weit oben in Las Torres.
Sie kann sich gar nicht konzentrieren und hat keinerlei Lust ihre Aufgaben zu machen, egal wie spielerisch man sie verpackt. Sowohl das Alphabet als auch die Zahlen von 1-10 sind ein Rätsel für sie. Zwar kann sie mit den Fingern einfache Additionen rechnen, weiß aber nicht, wie man die Zahlen schreibt, die als Ergebnis herauskommen. Selbst das Abschreiben von einfachen Wörtern gelingt ihr nicht und sie erfindet die seltsamsten Buchstaben.
Carola akzeptiert kaum Regeln und Grenzen und versucht immer wieder, die Aufmerksamkeit der Maestras sowie der anderen Kinder zu erlangen. Sei es, indem sie Schimpfwörter benutzt, einen Streit anfängt oder beharrlich aus der Reihe tanzt. Allerdings gibt es auch Momente, in denen sie wie ein Lämmchen auf meinen Schoß klettert und einfach ein bisschen Kuscheln möchte.
Im Zusammenhang mit Paulinas Projekt (siehe weiter unten), hatte ich zusammen mit Gisela und Paulina die Möglichkeit, Carola und ihre Familie (2 der 4 Schwestern sind ebenfalls in Las Torres) zu Hause zu besuchen. Einer der Gründe, warum Carola so ist wie sie ist, ist sicherlich ihre Wohnsituation bzw. ihre Gesamtsituation zu Hause. Die Familie wohnt ganz, ganz weit oben in Las Torres. Irgendwann gab es keinen vernünftigen Weg und keine Treppen und wir erreichten das Zuhause der Mädels. Haus wäre zu viel gesagt. Sie wohnen in einer „Hütte“ aus Wellblech, die etwa halb so groß ist wie unser Wohnzimmer in Cotiza. An dem Tag hat es geregnet und da das Dach nicht dicht ist, tropfte es an mehreren Stellen herein. Was mir als erstes aufgefallen ist, war der unangenehme Geruch. Aber bei 8 Personen auf so kleinem Raum mit der Feuchtigkeit und dann wieder der Hitze ist es wohl kaum ein Wunder. Ein „Bad“ oder eine Toilette konnte ich nicht entdecken. Ich weiß nicht, wie das Problem gelöst wird. Die Mutter der Mädels, die einen eingeschüchterten Eindruck machte, wirkte noch verwahrloster als ihre Kinder.
Die ganze Situation hat mich unheimlich mitgenommen, in meinem Leben habe ich noch nie eine solche Armut gesehen.
Der Grund, warum wir da waren, war der geplante Ausflug zum Strand (siehe Paulinas Projekt). Gisela wollte die Erlaubnis persönlich einholen und Bescheid sagen, dass die BsF. 10 p/P von der Mama nicht bezahlt werden müssen. Bei diesem Gespräch hat sich herausgestellt, dass die Mädels gar keinen Badeanzug oder Bikini haben. Bei den enttäuschten Gesichtern der Kinder entschied Paulina sich spontan, für die drei Mädels und die große Schwester (12), die mit im Raum war, Bikinis zu kaufen. Die Gesichter der Kinder waren reine Glückseligkeit: Bikini und Strandausflug, wo sie vorher noch nie waren.
Noch etwas weiter oben am Berg wohnen zwei andere Mädels aus dem Zentrum Las Torres, die in einer ähnlich schlechten Situation aufwachsen. Auch dort sind wir hingegangen, um deren Mutter den Ausflug zu erklären. Hier oben waren einige Hütten aneinander gebaut und Gisela hat mir nachher erklärt, dass einige Tanten auch dort oben wohnen. Ich habe mich die ganze Zeit über gefragt, wie viele Personen denn ganz genau dort oben wohnen, denn aus einer der Hütten kam immer mal wieder jemand heraus, um dann nach unten zu verschwinden.
Gisela hat mir später erklärt, dass die Tante, die in dieser Hütte wohnt, Drogen verkauft. Alle Personen, die vorbeigekommen sind, haben also vorher in der Hütte irgendwas genommen oder zumindest Drogen gekauft.
Die beiden kleinen Mädchen wachsen in der unmittelbaren Nähe von Drogen und Drogenabhängigen auf. Auf meine Frage hin, wie die Zukunft der Mädchen aussehe, was für Chancen sie hätten, meinte Gisela, dass alles von der Mutter abhinge. Zwar sind sie sehr arm, aber noch hätte die Mutter einen gesunden Verstand und schützte ihre Mädels. Der Tag, an dem dieser Verstand aufhört zu funktionieren, kann für die Mädchen schlimme Folgen haben.
Ich schreibe das hier alles so nüchtern runter, aber dieser Tag und diese Hausbesuche waren heftig.
Trotz der genannten Schwierigkeiten macht mir die Arbeit viel Spaß, denn natürlich geht nicht immer alles schief und der Großteil der Kinder erledigt seine Aufgaben gut und ist mit Spaß bei der Arbeit. Und auch wenn es schwierig ist, Ruhe in die Gruppe zu bekommen, wenn man zum Beispiel eine Bastelarbeit erklärt, sind meistens alle mit großem Eifer dabei.
Außerdem sind die Kinder unheimlich neugierig was Deutschland angeht. Sie wollen wissen, wo das liegt, wie man da hinkommt, wie lange das dauert, ob wir Eltern haben, warum es keine Arepas gibt ..., auch deutsche Wörter stehen ganz hoch im Kurs, so wird morgens vor dem Frühstück ein deutscher Reim gesprochen und wir verabschieden uns mit „bis morgen“. Im Gegenzug werden die Kinder nicht müde, sich über unser, wohl immer noch seltsam klingendes, Spanisch lustig zu machen und uns zu verbessern, wo es geht.
Wenn die Kinder morgens mit einem strahlenden Gesicht angerannt kommen und mich überschwänglich umarmen “Hola Profeeeeeee!“, möchte ich gar nicht dran denken, dass ich die ganzen Lieben bald wieder verlassen muss.
Einer der Jungs fragt auch beharrlich, ob es nicht irgendwie möglich wäre, dass wir ihn im Koffer mitnehmen oder Gisela ihm die Reise bezahlt, er müsste dringend seinen Kumpel Niklas (ehemaliger Freiwilliger) in Bremen besuchen.
Das Projekt von Paulina / Kooperation Forrest Watch und Mundo Mar
Im Februar war auf einmal Paulina da, die als Praktikantin des deutschen Vereins Forrest Watch und dessen venezolanischen Partnervereins Mundo Mar ein Projekt in Kooperation mit der ACEISB durchführen sollte. Mundo Mar und Forest Watch machen normalerweise Umweltprojekte, haben aber für Paulina ein Pilotprojekt ausgewählt. Sie soll mit den Kindern der ACEISB einen Ausflug an den Strand organisieren mit ökologischem Hintergrund.
Paulina hat ihr Projekt super geplant, vorgestellt und durchgeführt. Sie hat mit den Kindern über Umwelt und Müll gesprochen und Bastelarbeiten aus Recyclingmaterial gemacht. Der krönende Abschluss war ein Ausflug mit den Kindern von Las Torres und Cujicitos an den Strand in Naiguata. Dieser Ausflug war planungsmäßig wohl einer der aufwändigsten, die es bis jetzt in der Asociación gab. Das gesamte Personal der beiden Zentren, das Büroteam sowie eine Anzahl freiwilliger Helfer (Mütter und Freunde) waren auf den Beinen. Zwar waren wir in einem Club untergebracht, somit war der Strandabschnitt begrenzt und gut übersichtlich, trotzdem war es ein ganz schönes Unterfangen, mit 60 Kindern im Meer zu baden.
Abschließend kann ich jedoch sagen, dass dieser Paseo (Ausflug) ein absoluter Erfolg war! Einige Kinder waren noch nie vorher am Strand (und das bei nur einer Stunde Entfernung) und waren dementsprechend aufgeregt und glücklich. Na ja, fast alle, eine kleine Anekdote:
José: „Und das soll das Meer sein?“ - Gisela: „Ja, das ist das Meer.“ - José: „Aber das Wasser ist ganz salzig.“ - Gisela: „Ja, so ist das mit dem Meer.“ - José: „Aber das tut doch weh in den Augen!“ - Gisela: „Ja, ich weiß. Das piekt.“ - José: „Ich will lieber ins Schwimmbad...“
Unsere Projekte: Das Storchen- und das Poi-Projekt (über das Poi-Projekt berichtet Darren)
Zum Storchenprojekt sind wir durch Christel gekommen. Und zwar gibt es in Mülheim den Künstler Peter Torsten Schulz (auch bekannt als Petoschu), der ein Kinderbuch mit dem Titel „Georgine, wo bist du?“ geschrieben hat und dieses in drei weitere Sprachen übersetzen lies.
Die Geschichte: Der Storch Jorge hat seine große Liebe Jorgina verloren und sucht sie nun auf der ganzen Welt, doch egal, wen er fragt, niemand kann ihm helfen. Schließlich kommt er auf die Idee, die Kinder der Welt um Hilfe zu bitten. Jeder soll einen Jorge basteln und an seinem Lieblingsort platzieren, sodass, wenn Jorgina mal vorbeikommt, sie sieht, dass Jorge immer noch lebt und nach ihr sucht, um wieder mit ihr zusammen zu sein.
Einige dieser von Kindern gebastelten Jorges sollen später mit nach Deutschland reisen, da Petoschu diese kleinen Kunstwerke sammelt und mit dieser Kollektion ein Museum für naive Kunst eröffnen möchte.
Soweit die Idee des Künstlers. Unser Projekt sieht so aus, dass wir zuerst einmal das Buch gelesen haben und ausführlich mit den Kindern über Jorge und seine traurige Suche gesprochen haben. Die Kinder sind sich einig, dass man ihm in jedem Falle helfen muss. Außerdem haben wir Petoschu als Künstler, seine Arbeiten und das Storchenprojekt vorgestellt. Als nächstes werden wir kleine Referate zum Thema Storch machen, um dann letztendlich mit den Bastelarbeiten zu beginnen. Hierbei werden wir wieder mit Recyclingmaterialien arbeiten, den Kindern jedoch keinerlei Vorlagen liefern, sondern ihnen das Material zur Verfügung stellen und dann einfach schauen, was dabei herauskommt.
Präsentiert werden die Arbeiten im „Museum Las Torres“. Bei der Exposition werden die schönsten / kreativsten / ausgefallensten Störche prämiert.
Da ich im Zusammenhang mit Paulinas Projekt auch oft im Cujicitos war und die Kinder immer wieder gefragt haben, wann wir denn endlich dorthin kommen, haben Darren und ich uns entschieden, das Projekt ebenfalls mit den Kindern dort durchzuführen.
Situation in Caracas
Caracas ist Caracas und die Situation in dieser Stadt wird wohl nie entspannt oder gar „gut“ sein, doch habe ich das Gefühl, dass es zur Zeit schlimmer ist als zu Beginn unseres Jahres hier. In den letzten 2-3 Monaten gab es keine Demonstrationen und Protestmärsche der Studenten mehr, trotzdem halten die politischen Diskussionen und die Unzufriedenheit an.
Die Straßenkriminalität scheint zuzunehmen und sich zu verändern. War die Metro sonst ein relativ sicherer Ort, kommt es nun vermehrt zu Überfällen, auch mit Pistole. Vor etwa einem Monat wurde ein kompletter Wagon ausgeraubt.
Glücklicherweise ist Darren und mir in der ganzen Zeit hier nichts passiert, doch die Sorgen in der Bevölkerung scheinen größer zu werden. Zumindest werden wir immer häufiger und eindrücklicher gewarnt vorsichtig zu sein.
Der Vorfall mit unserem Freund, dessen Freund ermordet wurde (siehe dazu den Bericht von Darren), hat mich jedoch ziemlich mitgenommen und mich gezwungen, über die unangenehmen Probleme dieser Stadt ernsthaft nachzudenken. Mit der ernüchternden und frustrierenden Erkenntnis, dass sich so schnell, wahrscheinlich nicht einmal auf lange Sicht, etwas ändern wird.
Persönliche Situation
So kleine Tiefs bleiben in dieser Stadt in unserer Situation nicht aus und trotzdem kann ich – auch wenn das widersprüchlich klingt – sagen, dass ich mich hier wohl fühle. Ich komme endlich richtig mit der Sprache klar (natürlich noch nicht perfekt, aber ich bin zufrieden), ich habe meine Freunde hier, die Arbeit macht mir unheimlich Spaß und das Verhältnis zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist super. Letztendlich haben wir mit unseren Projekten jetzt auch ein richtiges Ziel, auf das wir hinarbeiten. Ich glaube, dass wir unsere Arbeit gut machen und ich hoffe, dass die Kinder etwas von der Zeit mit uns mitnehmen werden. Ich bin auf jeden Fall zufrieden mit meiner Situation hier und zuversichtlich, dass die beiden Projekte einen guten Abschluss unseres Jahres hier werden, in unserem Sinne, im Sinne der Kinder und Sinne der beiden Vereine ACEISB und dem Freundeskreis Las Torres.
Ruth
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