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Erster Bericht von Ruth

Caracas, Februar 2010  
 

Raus aus dem Flugzeug und sofort gegen eine Wand. Das Klima von Caracas war das Erste, was mich erwartete, als ich aus dem Flugzeug stieg.
Doch genauso einnehmend und neu wie diese ungewohnt warme, feuchte Luft waren auch die Eindrücke, die mir in den ersten Tagen und Wochen in Caracas begegneten. Die neue Mentalität: Alle sind lauter, hektischer und zugleich gelassener, temperamentvoller und offener als in Deutschland. Die ersten Eindrücke von Caracas: die Barrios, die Armut, der Müll, der Lärm, die Musik, die Sprache. All die neuen alltäglichen Kleinigkeiten wie die Camionetas (Lieferwagen), Bodegas (kleine Geschäfte), das Essen, der verrückte Verkehr ... Ich wusste kaum, wohin mit den vielen Eindrücken und konnte mir unmöglich ein differenziertes Bild von meiner Situation machen, so voll war ich von Gedanken.

Wie auch allen anderen Praktikanten fällt es auch mir schwer, die Gegensätze, die in dieser Stadt herrschen, unter einen Hut zu bekommen. Die erschrockenen Blicke, wenn die Leute erfahren, dass wir in Cotiza wohnen, stören mich ungemein, denn obwohl ich weiß, dass es hier durchaus gefährlich ist, habe ich bisher vor allem positive Erfahrungen gemacht: mit den Nachbarn, die ein bisschen quatschen, die Verkäufer der Bodegas, die freundlich über alle sprachlichen Schwierigkeiten beim Einkaufen hinwegsehen, die Männer, die auf der Strasse wohnen und dich überschwänglich grüßen. Natürlich sind die Armut und die Schwierigkeiten, die hier im Barrio herrschen, unübersehbar, aber für mich ist dieser Ort vorläufig zu meinem Zuhause geworden. Und gerade weil die Schwierigkeiten so offensichtlich sind, frage ich mich, warum halb Caracas darüber hinwegsieht und große Bögen macht, anstatt die Probleme zu erkennen und zu versuchen, sie zu lösen.

In Caracas selbst komme ich mittlerweile recht gut zurecht und obwohl ich meine Handtasche immer festhalte, den Bus verlasse, wenn zwielichtige Gestalten einsteigen, es oft nach Müll stinkt und die Autos laut herumrattern, fühle ich mich wohl hier in dieser großen Stadt. Aber ich habe noch immer das Gefühl, kaum etwas von meiner neuen Heimat zu kennen. Alles ist so groß und schnell und ich komme mir oftmals ein bisschen verloren vor in diesem endlosen Gewusel.

Umso heimischer ist im Gegensatz dazu unsere Wohnung, die wirklich schön geworden ist. Ohne schlechtes Gewissen kann ich sagen, dass ich abends nach Hause komme, denn zu Hause fühle ich mich hier wirklich. Das erste Mal einen eigenen Haushalt zu führen und mit jemanden (zumindest anfangs) Fremden zusammenzuwohnen, klappt eigentlich sehr gut.

Nach einer Woche des Eingewöhnens, sofern das so schnell überhaupt möglich ist, fingen wir an zu arbeiten. Ich habe zuerst zwei Wochen im Maternal verbracht und somit mit den ganz kleinen Kindern gearbeitet. Die sehen auf den ersten Blick alle furchtbar süß aus und sind es im Grunde auch, aber einige haben es mit ihren gerade mal 2 Jahren schon faustdick hinter den Ohren.

Doch schon in dieser ersten Gruppe mit den kleinsten Kindern wurde mit bewusst, dass die Stellung der Praktikanten ziemlich schwierig ist. Zum einen, weil mir gerade am Anfang noch die Sprache fehlte, zum anderen, weil wir uns so anders verhalten als die Maestras (Erzieherinnen), nehmen die Kinder uns nicht immer ernst, hören nicht auf uns, können nicht unterscheiden, wann Spiel und wann Ernst ist.

Aufgrund meines unvollkommenen Vokabulars konnte ich sie nicht wirklich zurechtweisen bzw. ihnen erklären, warum man das und das nicht macht. Das hat mich anfangs wirklich frustriert. Auch die Tatsache, dass ich mich mit den Maestras kaum unterhalten konnte, hat mich geärgert. Aber es war mir einfach unmöglich, den Unterhaltungen zu folgen, geschweige denn mich vernünftig einzubringen. So verblieb ich die ersten 2 Wochen recht schweigsam.

Nach meiner Zeit im Maternal wechselte ich zu Darren nach El Retiro. Ich entschied mich, mit der zweiten Gruppe zu arbeiten, da Darren bei den ältesten Kindern war und ich auch gerne etwas größere Kinder betreuen wollte, um schneller in die Sprache zu kommen. Schnell wurde mir klar, dass diese Entscheidung schwerwiegend war. Die zweite Gruppe stellte sich als unheimlich unruhig und schwierig heraus und war schon lange Gesprächsthema im Zentrum.

Hier ein Beispiel:
Gregor¹: G. ist vier Jahre alt und hat ein extremes Sprachproblem. Ich verstehe kaum etwas von dem, was er sagt, es klingt, als hätte er eine eigene Sprache entwickelt. Wenn etwas nicht so läuft wie G. es sich vorstellt, und sei es nur, dass ein anderes Kind gerade das Radiergummi benutzt, was er benötigt, fängt er an zu schreien und zu heulen. Dabei schmeißt er sich manchmal auf den Boden und strampelt wild um sich. Diese Ausbrüche passieren regelmäßig und haben schon fast etwas zwanghaftes an sich und er lässt sich in diesen Momenten kaum beruhigen.
Manchmal scheint er mit seinen Gedanken auch ganz woanders zu sein und nicht zu hören, was man gerade zu ihm sagt.
Im Gegensatz zu seiner Ungeduld, was alltägliche Dinge angeht, ist er bei der Erledigung der kleinen Arbeiten geradezu akribisch genau. Er malt so gleichmäßig wie möglich aus, immer bedacht, nicht die Linie zu verlassen und er würde niemals zwei verschiedene Grüntöne für das selbe Blatt benutzen.
In den drei Monaten hier habe ich es nicht geschafft, an G. ranzukommen.

Generell haben alle Kinder große Schwierigkeiten bei den zu erledigenden Arbeiten: ausmalen, ausschneiden, aufkleben, das alles ist für die Kinder sehr schwierig und erfordert volle Konzentration. Doch gerade diese Konzentration fehlt oftmals gänzlich oder wird lieber darauf verwendet, die Aufmerksamkeit der Maestras oder der anderen Kinder zu erlangen.

Was mich anfangs am meisten gestört hat war, dass mit dem Spielzeug nicht gespielt wurde, sondern es einfach nur im Raum herumgeworden wurde oder auf dem Boden verteilt wurde. Auch alles in einen Topf schmeißen und kräftig darin rumrühren lag hoch im Kurs. Die Kinder wussten einfach nicht, was sie mit einem Puzzle oder Dominospiel anfangen sollten. Ich habe dieses Problem mit der Maestra besprochen und daraufhin haben wir es so geregelt, dass nur einige wenige Spielzeuge an die Tische verteilt wurden und dass die Kinder sitzen bleiben müssten, um damit zu spielen. Das ist sicherlich nicht die beste Lösung, aber war in diesem Moment am effektivsten. Ich habe daraufhin die Aufgabe übernommen, mich an den „Dominotisch“ zu setzen und nach und nach den Kindern die Regeln dieses Spieles beizubringen. In der lauten und unruhigen Umgebung, in der die Kinder immer wieder abgelenkt waren, war es nicht gerade einfach, aber nach einigen Wochen konnten fast alle Kinder das Spiel und waren und sind ganz wild drauf es zu spielen. Ein erster kleiner Erfolg!

Vor Weihnachten haben wir mit den Kindern der dritten Gruppe Plätzchen für die Basare in den deutschen Gemeinden gebacken, was unheimlich witzig war. Alle waren total wild darauf, irgendwas zu machen und sei es nur, ein bisschen Mehl in die Schüssel zu schütten. Trotz der leichten Chaotik haben wir eine beträchtliche Menge Kekse gebacken und hatten viel Spaß dabei.

Als Projekt mit den Kindern haben Darren und ich Weihnachtslieder mit der zweiten und dritten Gruppe eingeübt. Wir hätten niemals gedacht, dass es so schwierig sein würde, mit den Kindern ihnen bekannte Lieder zu singen, denn alle waren bei den „Proben“ so aufgedreht und laut, dass ich manchmal fast verzweifelt bin. An anderen Tagen hingegen lief es hervorragend und wir waren ganz begeistert von unserem Engeleinchor. Das mit Abstand beliebteste Lied bei den Kindern war „Lasst uns froh und munter sein“, welches Darren und ich ihnen beigebracht haben. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell die Kinder den Text nur vom Hören gelernt haben und wie gut die Aussprache ist. Klar hört man, dass sie diese Satzmelodie nicht gewöhnt sind, aber das gibt dem ganzen erst den richtigen Charme. Eine Gruppe süßer venezolanischer Kinder im heißen Caracas „Lasst uns froh und munter sein“ singen zu hören, ist wirklich das Größte!

Die drei Monate im El Retiro haben mir trotz der Schwierigkeiten und des Chaos viel Spaß gemacht und die Kinder sind mir in der kurzen Zeit ganz schön ans Herz gewachsen. Es ist immer wieder toll, wenn man jemanden von den Kleinen auf der Straße trifft und überschwänglich begrüßt wird...

Doch mit den Weihnachtsferien stand dann auch der erste Abschied vor der Tür, zwar werde ich im Januar noch je eine Woche in der Küche der Maternal und El Retiro verbringen, doch danach wechseln wir nach Las Torres, wodurch wir die kleineren Kinder wohl nur noch selten sehen werden.

Zu den üblichen Basaren der deutschen Kirchengemeinden und des Colegio Humboldts (Deutsche Schule) kam dieses Jahr noch ein ganz besonderer Weihnachtsbasar. Die Kinder von Daisy und Rosaura², die alle etwa in unserem Alter sind, haben sich vorgenommen, eine neue Generation der ACEISB zu gründen, bzw. die Ideen und Visionen der ACEISB in neuer Generation weiterzuführen. Angeleiert haben das Ganze die Töchter von Daisy, die im Sommer in Deutschland waren und ziemlich angetan waren von den vielen Dingen, die dort vom Freundeskreis Las Torres organisiert, veranstaltet, geleitet, koordiniert und umgesetzt werden.
Also haben sie hier in Caracas ihre Freunde zusammengetrommelt und angefangen, einen Weihnachtsbasar zugunsten der ACEISB zu organisieren und - was ich am Besten fand - ihn in der Kirchengemeinde San José del Avila³ zu veranstalten. Also ein Basar für die Kinder und Eltern der Zentren und gleichzeitig zugunsten der ACEISB. Der Basar war ein echter Erfolg. Zwar war der Andrang nicht so hoch, wie wir das gerne gehabt hätten, doch waren die Besucher satt und zufrieden, als sie sich auf den Heimweg machten und die Kinder glücklich über die Hüpfburg und die Rally mit den vielen verrückten Spielen. Und der Erlös aus diesem Basar war sogar fast doppelt so hoch wie erwartet.
Ich bin gespannt, wie sich diese Gruppe in den nächsten Monaten und vielleicht sogar Jahren entwickelt. Ich denke auf jeden Fall, dass sich einige sehr motivierte und kreative Jugendliche zusammengefunden haben und eine gute neue Generation der ACEISB bilden.

Es fällt mir unheimlich schwer ein abschließendes Fazit zu verfassen. In diesen drei Monaten hier in Venezuela ist so unglaublich viel passiert und ist in keinster Weise mit dem deutschen Alltag zu vergleichen. Ich bin einfach froh hier zu sein, hier zu leben und hier in den Zentren zu arbeiten, so viele nette und interessante Menschen kennen zu lernen und diese einzigartigen Erfahrungen zu sammeln.

¹ Der Name wurde geändert

² Daisy Jiménez ist Vorsitzende unseres Partnervereins, der Asociación Civil der Educación Integral San Benito (ACEISB)., Rosaura Figueroa hat lange Jahre im Projekt gearbeitet und ist nun Mitglied im Vorstand der ACEISB.

³ Das ist die Kirchengemeinde, zu deren Gebiet auch unsere vier Zentren gehören und wo auch das Büro unseres Partnervereins ist.

 

 
     
 
   
     
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