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Abschlussbericht von Niklas

   
 

Von einem Jahr in Venezuela, das noch nicht vorbei ist ...

Nach einem Jahr Abwesenheit befinde ich mich nun wieder in den altbekannten Bremer Straßen, vieles ist wie ich es in Erinnerung hatte, einiges hat sich verändert. Ich erwische mich dabei, wie ich mit dem gleichem Respekt durch die Straßen laufe, wie ich es aus dem Jahr in Caracas gewohnt war.

Die ersten Male, in denen ich alleine durch die Straßen des Bremer Steintorviertels laufe, macht sich Unruhe in mir breit, wenn sich Menschen nachts nähern. Auf den Straßen von Caracas kann das Leben schnell vorbei sein und das nicht, weil jemand zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Das Risiko besteht ständig für Menschen in Caracas, davon können leider viel zu viele Menschen, die ich im Laufe des Jahres kennen gelernt habe, Geschichten erzählen.

Besonders die Gewalt und Unsicherheit, die den Alltag in Caracas dominieren, beschäftigen mich, wenn ich mich mit dem vergangenen Jahr auseinandersetze. Dabei habe ich noch nicht einmal besonders schlimme Erfahrungen gesammelt und war bis auf eine Ausnahme mit keinen Außergewöhnlich brutalen Ereignissen konfrontiert.

Aber die Fülle an Erzählungen, die vielen Waffen, die mir stolz präsentiert wurden und besonders der Kontrast zu meinem Leben in Bremen lassen das Jahr im Nachhinein Furcht erregender erscheinen als ich es während meines Aufenthaltes je wahrgenommen habe.

Trotzdem würde ich sagen, dass man das Risiko in Kauf nehmen kann und ich würde es jederzeit wieder machen. Die Gefahr ist eben nur ein kleiner Teil des Lebens in Venezuela (darauf bin ich ja schon im 2. Bericht eingegangen), welches auch jede Menge Sonnenseiten aufzeigen kann...

Un día típico - ein typischer Tag ...

Der Wecker klingelt schon seit einer Viertelstunde, als ich es endlich schaffe aufzustehen. Auf der Straße dröhnen die alten, klapprigen Camionetas, die die Bewohner Cotizas in die Innenstadt zur Arbeit bringen und hinterlassen eine Spur von schwarzem Qualm, Hunde bellen auf der Straße.

Aus dem Erdgeschoss sind die ersten Kinderstimmen zu vernehmen und das tagtägliche Geheule von Roger¹, der seine Mutter schon vermisst, bevor sie überhaupt gegangen ist, beginnt. Hanna ist schon wach, sitzt in der Küche, löffelt Cornflakes und hat schon den wohl besten Kaffee der Welt (direkt von der Finca unserer Freunde aus Merida) aufgebrüht.

Schnell unter die eiskalte Dusche, zumindest an Tagen, an denen wir das Wasser nicht mit Señor Carlos in großen Bottichen aus dem Zentrum El Retiro heranholen müssen. Immer wieder mussten wir in unserer Wohnung tagelang ohne Wasser auskommen. Was es bedeutet, ein so alltägliches und für uns selbstverständliches Gut auf einmal missen zu müssen, hätte ich mir vor dem Jahr in Venezuela nicht vorstellen können.

In der segunda Calle (der nach hinten angrenzenden Straße), beschallen zwei Nachbarn die Straße mit Merengue-, Salsa- und Elektro-Klängen.

Ich bin mal wieder knapp dran und mache mich schnell auf den Weg ins Centro Las Torres. Auf den Straßen herrscht reger Betrieb. Männer aus dem Barrio in roten Hemden, die von der Regierung bezahlt werden, sind dabei, Gasleitungen zu verlegen. Die Ära der Gasflaschen soll dem „Gas popular“ weichen. Deshalb werden seit Monaten Tag für Tag die Straßen Stück für Stück aufgerissen, um Leitungen zu verlegen, Zugänge zu den Häusern frei geschlagen und genug Staub und Sand aufgewirbelt, um ein Schwimmbad damit zu füllen.

Lautstark und freundlich wird gegrüßt, fast alle im Barrio kennen sich gegenseitig. Kurz vor dem Zentrum Las Torres sitzen mal wieder die Frauen von den Zeugen Jehovas und versuchen, ihre Wahrheit in Form des „Wachturms“ unter die Leute zu bringen. Dass wir kein Interesse aufbringen, haben sie zum Glück endlich verstanden und lassen uns in Ruhe. Leider finden derartige Glaubensgemeinschaften viel Anhang in Venezuela; ebenso wie die afro-kubanische Santería, bei der Tieropfer noch zum guten Umgang gehören.

In den kleinen Gassen, durch die man nur zu Fuß oder auf dem Motorrad kommt, treffe ich Luis. Der 6-jährige Junge geht nicht in die Schule, er hat gelernt, sich auf der Straße durchzuschlagen, denn seine Mutter ist so gut wie nie da. Er ist sehr klein, seine Augen sind traurig und sein Blick ist hart. Luis bettelt nicht, er fordert. Als wir mit den Kindern im Zentrum die Drachen gebastelt haben, machten wir auch einen für ihn mit. Am nächsten Tag kam er zum Zentrum mit den Worten: „Mach mir noch einen!“ Er weiß, wie sich die Dinge drehen in Las Torres. Nur wenn er zu frech wird, kriegt er einen Klaps auf den Hinterkopf von einem der Jungen aus dem Barrio, die an der Ecke herumstehen. Ab und an kommt er Mittags vorbei und isst mit uns im Zentrum.

Dilia (Leiterin des Zentrums Las Torres), die mich jeden Morgen mit einem strahlenden Lächeln begrüßt, hat seiner Mutter häufig Hilfe angeboten. Für viele Eltern ist es aus den verschiedensten Gründen nicht einfach, solche Angebote anzunehmen. Einige verlassen lange vor ihren Kindern das Haus um zu arbeiten, andere sind viel zu sehr mit sich selbst und den eigenen Problemen beschäftigt. Ich denke an die Familie, der wir mal von den Erzieherinnen gespendete Kleidung nach Hause gebracht haben: Die Mutter von drei Kindern müsste erst einmal ihr Alkoholproblem in den Griff bekommen, damit sich vielleicht einmal statt einem Haufen Schnapsflaschen neben der Haustür Schuhe an den Füßen ihrer Kinder befinden könnten.

Im Zentrum gibt es nach der Begrüßung erst einmal einen Café con Leche (Milchkaffee) von der Köchin Beatrice. Anschließend setzen wir uns mit den Kids an die Hausaufgaben oder machen andere Übungen. Um zehn Uhr gibt es erst einmal ein dickes Frühstück mit frisch gepresstem Saft. Das Essen für die Kinder ist sehr gut organisiert, zwar nicht besonders abwechslungsreich, dafür aber immer lecker und am wichtigsten: Es macht richtig satt.

Zweimal im Monat fahre ich deshalb mit Seňor Carlos zu verschiedenen Großmärkten und  jede Woche zum lokalen  Gemüse- und Obsthändler. Danach wird das auf den Pick-up geladene Essen auf die verschiedenen Zentren verteilt.

Häufig bin ich beim Mittagessen noch so satt vom Frühstück, dass ich die riesigen Portionen kaum aufessen kann. Nach dem Essen das gleiche Programm wie mit der Vormittagsgruppe. Hausaufgabenhilfe, dann an den Projekten arbeiten, Sport o. ä. und danach einen Snack.

In den letzten Wochen in Las Torres haben wir uns gemeinsam mit den Kindern mit den Kinderrechten auseinandergesetzt. Im Verlauf dessen haben wir zwei Projekte mit den Kindern entwickelt: Ein Theaterprojekt mit der Vormittagsgruppe und ein Mosaikprojekt mit den Nachmittagskindern, beide zum Thema Kinderrechte. Das Theaterstück bestand aus verschiedenen Szenen, die wir mit den Kindern zusammen entwickelt haben. Hauptsächlich ging es darum, von den Eltern bzw. den Erwachsenen Respekt für das eigene Kind-Sein zu fordern. Die Proben haben viel Spaß gemacht, auch wenn es manchmal schwierig war, darauf zu achten, dass die Dialoge nicht zu ausführlich und ausladend wurden. Am Ende haben wir das Stück bei der Jahresabschlussfeier aufgeführt und viel positive Rückmeldung erhalten.

Auch beim Mosaik haben wir einen Zusammenhang zu den Rechten der Kinder hergestellt. Das Motiv sind 3 Kinder vor der Weltkugel. Links ein Mädchen mit Megaphon in der Hand als Symbol für Meinungsfreiheit, in der Mitte auf dem Boden sitzend ein lesendes Kind, welches für das Recht auf Bildung steht und rechts ein spielender Junge, der einen Drachen steigen lässt, um das Recht auf Spielen und freie Entfaltung zu symbolisieren. Das Mosaik ist als bleibende Erinnerung an die Auseinandersetzung mit diesem Thema im Zentrum Las Torres aufgehängt worden. Das Projekt war ein voller Erfolg. Bei der Präsentation standen die Kinder vor dem Mosaik und zeigten stolz auf die Stellen des Mosaiks, die sie geklebt haben.

Im Laufe des Jahres haben wir verschiedene Ausflüge mit den Kindern unternommen. Wichtig waren die Ausflüge zur Deutschen Schule in Caracas, dem „Colegio Humboldt“. Dort hatten wir die Möglichkeit, mit den Kindern schwimmen zu lernen. Mit den Kindern der dritten Gruppe sind wir zwei Monate lang jeden Dienstag in einer Camioneta (kleiner Bus) losgejuckelt. Auf dem Weg hat die Maestra Carola, die ein Stimmorgan wie Mercedes Sosa hat, die Kinder zum Singen animiert.

Im Schwimmbad haben uns Rosa León vom Colegio Humboldt und einige ältere Schüler der Schule geholfen, den Schwimmunterricht durchzuführen. Hauptsächlich ging es darum, den Kindern das Gefühl des Schwimmens nahe zu bringen und ein Verhältnis dazu zu entwickeln. Es war im Endeffekt leider zu wenig Zeit, um den Kindern das Schwimmen wirklich beizubringen, aber es ist der erste Schritt und für viele Kinder auch der erste Kontakt mit einem Schwimmbad.

Häufig sind es gerade diese Ausflüge und Projekte, die das Jahr und die Arbeit mit den Kindern so besonders machen. In vielen anderen Schulen gibt es leider nicht die Möglichkeit, Schwimmbäder zu besuchen und häufig fehlt es an Zeit, Geld oder Personal, um „außerordentliche“ Projekte in Angriff zu nehmen. Deshalb stellt die Associacíon auch eine Besonderheit in den Barrios dar und ist für viele Kinder sicherlich eine Bereicherung in ihrer Entwicklung.

Für mich war das Jahr eine wunderschöne Erfahrung, ich habe wahnsinnig viel gelernt, sicherlich einige Fehler gemacht, die ich aber kaum bereue weil sie mir auch geholfen haben, besser mit anderen Situationen um zu gehen. Ich hoffe, ich habe einen kleinen Teil zur Bildung der Kinder beigetragen und etwas Positives hinterlassen.

Zum Schluss möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die mir dieses Jahr ermöglicht haben. Ganz besonders Christel Schuck, die uns das ganze Jahr über zur Seite stand und uns, wann immer es möglich war, den Rücken gestärkt hat und uns sehr gut auf das Jahr vorbereitet hat, außerdem natürlich an MitarbeiterInnen des Freundeskreis Las Torres, die dafür sorgen, dass das Projekt am Leben bleibt und natürlich allen MitarbeiterInnen vor Ort, die mit Herz ihre Arbeit verrichten!

Gracias ...

¹Die Namen der Kinder wurden in diesem Bericht geändert.
 
     
 
   
     
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