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Mittlerweile sind nun schon über 6 Monate unserer Zeit in Venezuela vergangen.
Endlich hat auch der Umzug in die neue Wohnung geklappt. Señor Carlos, der während der Katastrophe in Catuche Hab und Gut verlor, hat monatelang im Schweiße seines Angesichts das Haus in der Calle Cujicitos renoviert und dabei wirkliche tolle Arbeit geleistet. Fast schon beschämend ist der viele Platz, den wir jetzt haben (2 Zimmer, Wohnzimmer, Bad und Küche) im Vergleich zu den Lebensverhältnissen, die hier normal sind.
Unsere Zeit in der Vorschule haben wir mit einem T-Shirt-Projekt, bei dem die Kinder der 3. Gruppe T-Shirts im Kartoffeldruckverfahren und mit ihren Händen nach ihren Vorstellungen verziert haben, und einer kleinen Feier für alle Kinder, im Park (d.h. auf dem Dach) des Zentrums, abgeschlossen.
Der Wechsel nach Las Torres war dann lange erwartet.
Für mich ist die Arbeit dort eine ganz andere. Ich fühle mich viel mehr als Teil des dort arbeitenden Teams und wir sind viel klarer in die Aufgaben eingebunden.
Allgemein herrscht im Zentrum Las Torres eine sehr positive Atmosphäre. Das liegt, denke ich, zum einen Teil an der tollen Koordinatorin Dilia, den motivierten LehrerInnen und daran, dass die Arbeit, im Vergleich zu meinen Erfahrungen in den anderen Zentren, gleichzeitig klarer und freier ist.
Das Klima unter den Angestellten, das auch uns von Anfang an entgegengebracht wurde, ist gleichermaßen sehr respektvoll, persönlich und freundschaftlich.
Morgens beginnen die Kinder die Aufgaben, die sie aus der Schule mitbringen, zu bearbeiten. Das nimmt meistens die ersten 2 Stunden des Vormittags in Anspruch.
Zu den Hausaufgaben bleibt in dieser Zeit meistens noch Zeit für individuelle, auf die Probleme/ Schwierigkeiten angepassten Übungen mit einzelnen Kindern, also lesen, Buchstaben und Zahlen verbessern, u.ä.
Danach bekommen die Kinder ein reichhaltiges Frühstück, das täglich vom Las Torres Urgestein Beatrice zubereitet wird.
Beatrice arbeitet nicht nur mit Herz im Zentrum, kümmert sich um ihren behinderten Mann, ihre schwangere Tochter und ihre Enkelkinder, holt nebenbei noch ein weiteres aus der Vorschule ab und verdient sich das Geld, welches offensichtlich fehlt, durch Näharbeiten für die Nachbarn im Barrio.
Ich erzähle dies, weil sie beispielhaft für so viele Menschen (und MitarbeiterInnen des Vereins) steht, die, um sich über Wasser zu halten, 2-3 Jobs haben, und andererseits, weil Beatrice eine von jenen ist, die sich zum Glück noch seit vielen Jahren als Mitarbeiter in der Asociación befinden und ihre Arbeit mit einer besonderen Motivation, also den Ideen des Vereins, und nicht des Geldes wegen machen, obwohl dieses hier wirklich knapp ist...)
Nach dem Frühstück bleibt Zeit für Aktivitäten wie Sport, Handarbeiten, Spielen und Projekte, je nachdem, welche Ideen gerade eingebracht werden.
In den letzten Wochen haben wir ein Drachenprojekt mit beiden Gruppen (Vormittags-/Nachmittagsgruppe) durchgeführt - immer mit der kräftigen Unterstützung von Dilia und den Maestras.
Aus den Drachen sind im Laufe der Zeit immer mehr kleine Kunstwerke entstanden und die Kinder haben einen Riesenspaß daran, mit den fertig verzierten und behängten Drachen durch die Gegend zu rennen.
Wir wurden von Elisabeth und den Lehrerinnen aus dem Zentrum Los Cujicitos darum gebeten, auch dort Drachen mit den Kindern zu basteln. Deshalb arbeiten wir im Moment halbtags in Cujicitos (hier kommen die Kinder nur nachmittags) und hoffen, auch dort bald zum Ende zu kommen, damit dem Erproben der Drachen beim für nächsten Freitag geplante Ausflug auf dem Softball-Platz in Cotiza nichts mehr im Wege steht.
Das Barrio Las Torres ist noch viel ärmer und härter als die Gegend, in der wir vorher gearbeitet haben; dadurch ist natürlich das Verhalten vieler Kinder geprägt.
Viele Kinder sind sehr aufgedreht, bei einigen, gerade, aber nicht ausschließlich bei den Jungen, ist die Hemmschwelle für Gewalt sehr gering.
Bei Victor¹ ist es möglich, dass er anfängt rumzubrüllen oder um sich zu schlagen, wenn er sich falsch angeguckt fühlt oder ein anderes Kind beispielsweise zuerst nach dem Anspitzer greift, den er gerade benutzen will.
Es ist schön, Lernerfolge und Prozesse bei den einzelnen Kindern mit zu verfolgen.
Marixa hat in den letzten Monaten endlich das 1x1 gelernt und rechnet jetzt auch ohne jedes Mal in die Tabellen auf der letzten Seite ihres Aufgabenheftes abzugucken.
Viele Kinder haben deutliche Fortschritte beim Lesen und Schreiben gemacht und auch das gelegentliche Fußball-Training, das sich mit den Jungs aus der Nachmittagsgruppe im Laufe der Zeit entwickelt hat, hat schon zu deutlichen Fortschritten geführt.
Arón, der eigentlich eine sehr engagierte Großmutter hat, kommt morgens immer total fertig und unruhig bis zitternd ins Zentrum. Er hat erzählt , dass er morgens „auch immer“ Kaffee trinkt, so wie es viele Kinder tun.
Auch wenn er fröstelnd dasitzt und mit seiner kaum wahrnehmbaren Fistelstimme vorliest, hat er trotz seiner 5 Jahre (er ist der Jüngste im Zentrum) vielen Kindern, die sich schon 1, 2 oder 3 Jahre im Schulsystem befinden, einiges voraus. Im Gegensatz zu diesen Kindern kann er Wortzusammenhänge erkennen und liest vieles flüssiger als mancher 8-Jähriger.
Gerade für diese Kinder ist das Zentrum extrem wichtig, weil es scheint, als würden sie in der Schule nicht genug Aufmerksamkeit bekommen und einfach „mit durchrutschen“, obwohl sie fast noch Analphabeten sind und jedes Mal aufs Neue versuchen, sich durch die Leseübungen mit hartnäckigem Raten durchzuschlagen.
La Vida... (Das Leben …)
Wer morgens rechtzeitig zur Arbeit erscheinen will, sollte spätestens unter der eiskalten Dusche stehen, wenn der mobile Obst- und Gemüseverkäufer lauthals und mit per Lautsprecher verzerrter Stimme die Supersonderangebote (>>5 Platanos, 10 Bolivar<<) des Tages in einem melodischen Singsang, der an den Ruf eines „Muezzin“ erinnert, verkündet.
Ab 7:30 Uhr ist die sowieso nicht vorhandene Ruhe im Haus endgültig vorbei, weil die ersten Kleinkinder im Erdgeschoss eintreffen und ihr allmorgendliches Schreiritual beginnen, das sich in der ersten halben Stunde des Morgens zu einem Konzert der ganz besonderen Art entfaltet.
Ansonsten kann ich nicht viel Neues erzählen, ich fühle mich nach wie vor sehr wohl und das reichhaltige Menü venezolanischen Lebens schmeckt mir nach wie vor ausgezeichnet.
Vieles ist mit dem Fortschritt der Sprachkompetenz einfacher geworden und anfangs aufregend und außergewöhnlich erscheinende Dinge sind mittlerweile zur gewohnten Normalität geworden.
Wenn man aus dem vollkommen überfüllten Bus, in dem man eben noch bei lauten Salsa-klängen in gebückter Haltung (die eigene Übergröße ist in Venezuela einfach nicht vorgesehen) eingepfercht stand, herausspringen muss, weil die alte Klapperkiste die letzte Steigung vor dem Verlassen des Barrios einfach nicht mehr mitmachen will und aus dem Motor gräulich-schwarze Rauchwolken aufsteigen, ist das irgendwie kein besonderes Erlebnis mehr und erst recht kein Grund für Ärger oder schlechter Laune.
Wenn die Polizei vor dem Spiel des lokalen Fußball-Clubs Caracas FC anfängt, über die Köpfe der auf Einlass wartenden Menge zu schießen, um diese zu beruhigen (!), ist die natürlichste Reaktion eben nicht wegzulaufen, sondern sich wie alle zu ducken (so etwas kann ja mal ins Auge gehen, wenn man über eine Kopflänge über die Menge herausragt...) und sich in den Schwall aus wüsten Beschimpfungen gegen die korrupten „Ordnungshüter“ einzureihen.
Es war nie ein „Schock“ oder ähnliches, mich in Venezuela einzuleben oder zurechtzukommen. Auch wenn ich während meiner Zeit hier gelernt habe, Dinge in Deutschland positiver zu sehen und schätzen zu lernen, bangt es mir eher davor, mich in wenigen Monaten wieder im grau-karierten deutschen Alltag zurechtfinden zu müssen.
Lebenssituation Caracas / Venezuela oder was ist/heißt Armut?
Armut ist in den Gegenden, in denen wir leben, allgegenwärtig, auch wenn man sich manchmal darüber wundern kann, dass selbst in den Häusern bzw. Hütten, in denen die Kinder teilweise kein richtiges Schuhwerk besitzen und fast immer mit schmutziger und teilweise zerrissener Kleidung herumlaufen, mindestens ein Fernseher mit DVD-Player und eine dicke Musikanlage vorhanden sind.
Einige Menschen aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis geben regelmäßig bis zur Hälfte ihres Einkommens bzw. des vorgeschriebenen Mindestlohns (der gerade auf ca. 820 BSF erhöht wurde und trotzdem hinten und vorne nicht für Versorgung einer Familie reicht) für Schuhe oder neue Handys aus.
In Venezuela ist es nicht wirklich möglich oder ratsam, Geld für größere Projekte aufzuheben, weil die Inflation ständig steigt und vieles ununterbrochen teurer wird. Trotz allem kann man sich wundern, wofür das Geld häufig ausgegeben wird.
Es ist blöd, darüber zu urteilen, aber häufig einfach unverständlich, wie sehr selbst die ärmsten Menschen, die in Blechhütten oder Hausbesetzungen leben, auf materielle Luxusgüter fixiert sind, obwohl es an so vielen elementaren Dingen fehlt.
Caracas ist ein riesiges Verkehrschaos und zu Hauptverkehrszeiten ein einziger nicht enden wollender Stau.
Das kann dazu führen, dass selbst die einfachsten Besorgungen (für die Asociación) stundenlang dauern können.
Eine gute Alternative zu den verstopften Hauptstraßen sind die „Caminos Verdes“ (Schleichwege) durch verwinkelte Barriostraßen, bei denen man eindrucksvoll weitere Teile der vielfältigen Barriowelt in Caracas kennen lernen kann.
Man kann die Barrios eben wie fast alles nicht einseitig betrachten und in vereinfachende Schubladen (gefährlich, Elend) stecken, ohne dabei die Realität zu verfälschen.
Barrios sind ebenso heterogene Stadtviertel, in die viele Menschen, Organisationen und Comunity-Zusammenschlüsse viel Arbeit hineinstecken.
Die Gefahr und die sozialen Probleme sind ohne Frage aufgrund des Bandenwesens und der Armut nicht zu verkennen, aber es gibt eben mehr, was sich hinter dem nach außen prägenden Bild von Drogen, Schießereien, Raub und Mord verbirgt:
Plätze, auf denen tagsüber genauso viel Leben und Handel herrscht wie in der Innenstadt, Sportvereine und -gruppen und vor allem ständige Bewegung, Musik und Kommunikation.
Mit Einbruch der Dunkelheit leeren sich dann Straßen und Plätze und Menschenansammlungen sind hauptsächlich dort zu finden, wo Bier verkauft wird und laute Musik ertönt.
Es ist mir wichtig, dies zu thematisieren, da ich immer wieder erlebe, wie einseitig viele Menschen die Barrios sehen und beurteilen. Gleichzeitig möchte ich die vielen existierenden Probleme und Gefahren nicht herunterspielen, sondern für einen ehrlichen und vielseitigen Blickwinkel plädieren.
¹ Die Namen aller Kinder wurden geändert.
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