| |
Meine ersten Eindrücke vom Leben in Caracas habe ich nach einigen Wochen einem Freund beschrieben:
Caracas ist ohne Frage die heftigste Stadt, die ich je kennen gelernt habe und ist erst einmal gar nicht zu verarbeiten. In weiten Teilen bestimmen Armut, Dreck, Gewalt und schlechte Lebensverhältnisse das Bild der Viertel. Es erschreckt immer wieder, dass überall, an den miesesten Orten, Leute wohnen (müssen) und sich unter den einsturzgefährdetsten Brücken, in den stinkendsten Flussbetten Hütten bauen.
Im absoluten Kontrast dazu stehen die eingemauerten Reichen-, Geschäfts- und Regierungsviertel. In den besser situierten Gegenden hat man den Eindruck, dass die Menschen wie in ihren selbst gebauten Gefängnissen wohnen.(...)
In den Ecken, in denen ich mich häufiger bewege, fühle ich mich unglaublich wohl. Es ist schön, ständig gegrüßt zu werden, mit den verschiedensten Menschen einen kurzen Schnack zu halten und sich als Teil der Gemeinschaft zu fühlen.
Ich genieße es, durch die Straßen zu gehen und das vollkommen andere Leben zu betrachten, die Menschen zu beobachten, die trotz ihrer Armut fast immer gute Laune haben, und mich in diesen chaotischen Verkehrszuständen wenigstens einigermaßen zurechtzufinden.
Die Lebensfreude, die offene und unkomplizierte Art der Venezolaner und das große Interesse am Kennenlernen anderer Kulturen haben es mir von Anfang an leicht gemacht, mich hier wohl zu fühlen.
Venezuela mit seinem tropisch-karibischen Klima, den ausgelassenen bis aufreizenden typischen Tänzen und all den Menschen, die so viel gute Laune und Lebensfreude in sich tragen, hat mich von Anfang an schwer begeistert und schon jetzt habe ich ein ganz besonderes Verhältnis zu diesem Teil der Erde entwickelt.
In den ersten Monaten meiner Arbeit wurde ich in verschiedenen Bereichen eingesetzt.
Angefangen habe ich in der Gruppe der 5- und 6-jährigen Kinder, in der Vorschule im Barrio El Retiro. Mit den Kids dort habe ich viel auf dem Spielplatz auf dem Dach rumgetobt, mich mit einzelnen Kindern oder kleinen Gruppen hingesetzt, um kleine, praktische Dinge zu trainieren (Stifte und Pinsel richtig halten, Schnürsenkel binden usw.).
Besonders am Anfang hat mich dort aber die sehr strenge und autoritäre Art einiger Maestras (Erzieherinnen) gestört.
Außerdem wurde zu Anfang unserer Zeit jeden Nachmittag fast eine Stunde der Fernseher eingeschaltet und die Kinder, auch wenn einige gar nicht wollten, vor irgendeine bescheuerte Comic/Manga-Serie gesetzt, die absolut keinen Bildungsfaktor enthält.
Wir haben unsere Kritik daran mit Gisela (Gesamtleiterin des Projektes) besprochen und das nachmittägliche Fernsehritual wurde kurz darauf wieder abgesetzt.
Am autoritären Umgang einiger Maestras mit den Kindern hat sich (leider) nicht allzu viel geändert. Allerdings sind die Erziehungsmethoden hier im Allgemeinen anders als wir es vielleicht gewohnt sind.
Im Alltag sieht man viele überforderte Eltern/Mütter, die häufig noch sehr jung sind und ihrer Situation noch nicht gewachsen wirken. (Vollkommen überforderte 15-jährige Mütter in der U-Bahn zu sehen ist alles andere als eine Seltenheit).
Rückblickend habe ich das Gefühl, zu wenig Zeit in El Retiro verbracht und wenig erreicht zu haben.
Später habe ich in der Krabbelgruppe mitgearbeitet, weil zu dieser Zeit Maestras fehlten und ich ein sehr gutes Verhältnis zu den Kleinen habe. Einige wollen ständig auf meinen Arm oder durch die Luft gewirbelt werden, zwischenzeitlich wurde ich von einigen sogar Papa genannt.
Die Arbeit dort beschränkt sich hauptsächlich auf die spielerische Unterhaltung, um die Kinder bei Laune zu halten und die Aufbauarbeit für den Kindergarten.
Zu den Arbeiten in den beiden Gruppen kommen die wöchentlichen Einkäufe, kleine handwerkliche Arbeiten und die Fertigstellung bzw. der Umzug in die neue Wohnung, der nun endlich, nach langem Warten, geklappt hat.
Es kommt mir vor, als hätte ich zu viel Zeit außerhalb der Zentren und meiner eigentlichen Arbeit verbracht. Das wird sich mit dem bevorstehenden Wechsel in das Zentrum Las Torres hoffentlich ändern.
Dadurch, dass die Arbeit im neuen Haus jetzt wegfällt, bleibt sicherlich mehr Zeit für die Arbeit im Projekt übrig. Außerdem hoffe ich, dass ich fester in die Arbeit im Zentrum integriert werde.
Ich werde in der nächsten Zeit verschiedene Sportprojekte in den Zentren Las Torres und Los Cujicitos in Angriff nehmen.
Die letzten Monate in Venezuela waren eine unglaublich tolle Zeit! Die Vorbereitung für unsere Arbeit und auf das Leben in Venezuela war sehr gut und ausführlich. Auf alle großen und vorhersehbaren Probleme wurden wir sehr gut vorbereitet und auch die Kommunikation mit Christel (Freundeskreis Las Torres) läuft meiner Meinung nach sehr gut, so dass wir alle aufgetretenen Komplikationen schnell aus der Welt schaffen konnten.
Die Arbeit der Asociación ist sehr anerkannt und die Menschen hier sind uns sehr positiv gesonnen.
Am Ende möchte ich mich nochmals für euer aller Unterstützung bedanken. |
|