Logo
Header
  Header links Header Rechts  
Startseite > Freiwillige > Berichte
 
 

 

    Bericht im PDF-Format:PDF  
 

2. Bericht von Moritz

Caracas, Mai 2011  
 

Ich kann ohne Scham sagen: Ich liebe diese Stadt! Ja, es stimmt schon, sie ist schmutzig, laut und gefährlich, wenn man nicht aufpasst, verschlingt sie einen mit Haut und Haaren. Und doch hat Caracas seine ganz eigene Schönheit, eine Schönheit, die sich nicht wirklich rational erklären lässt, viel eher entspringt sie gerade dem Irrationalen, dem Ungeordneten, dem Fehlen jeglicher Struktur und dem wirren Zusammen- und  Gegeneinanderwirken der einzelnen Teile.

Wie ich bereits in meinem ersten Bericht erwähnte, ist Caracas eine zweigeteilte, eine zerrissene Stadt. Die beiden Teile stehen sich nicht versöhnlich gegenüber, vielmehr bilden sie radikale Gegenentwürfe. Shopping-Mall oder Bodega (Kramladen), Avenida (breite Straße) oder Callejon (Gasse). Für mich wird das Antlitz Caracas’ stets das der zahlreichen Barrios sein .Zu gewöhnt bin ich die ekelhafte Konsumkultur der Fast-Food-Ketten und Einkaufzentren, um mich davon beeindrucken zu lassen. Ich liebe an dieser Stadt gerade das für mich Andere, Neue.

Aber genug von Caracas. Seit meinem letzten Bericht hat sich auch im Hinblick auf meine Arbeit vieles geändert.

Auch wenn mein Abschied aus El Retiro nun doch schon einige Monate her ist, hänge ich immer noch sehr an den Kindern, die ich während meiner Zeit im Zentrum betreut habe. Umso schöner ist es, wenn ich von Zeit zu Zeit einzelne Kinder auf der Straße wiedertreffe und durch ihre freudigen Reaktionen bemerke, dass auch sie mich nicht vergessen haben.

Bevor wir ins Zentrum Las Torres wechselten, haben Kristina und ich zwei Wochen in der Küche (Kristina im Maternal und ich in El Retiro) gearbeitet. Auch wenn aus mir wahrscheinlich nie ein Meisterkoch wird, so habe ich die Zeit sehr genossen und auch das ein oder andere gelernt. Generell habe ich mich schon sehr an die venezolanischen Essgewohnheiten gewöhnt. Arepa, Empanada und Co. werden mir in Deutschland, wie so einiges, mit Sicherheit sehr fehlen.

Der Anfang in Las Torres fiel mir eigentlich nicht sehr schwer. Das Personal hat uns sehr liebevoll aufgenommen und die Kinder haben durch ihre Neugier und ihre Herzlichkeit ihren Teil dazu beigetragen, dass ich mich relativ schnell eingearbeitet habe.

Die Kinder sind mir bereits sehr ans Herz gewachsen. Vielen von ihnen merkt man den Mangel an Zuneigung im elterlichen Zuhause sofort an. Bereits sehr früh haben sich die Kinder uns gegenüber offen und herzlich gezeigt. Wenn ich einen von ihnen auf der Straße treffe, stürmen sie oftmals sofort auf mich zu und umarmen mich heftig. Dieses hohe Maß an Zuneigung genieße ich sehr.

Bei der Arbeit mit den Kindern in Las Torres fallen immer wieder die sehr großen Leistungsunterschiede auf. Einigen Kindern bereitet es mit neun Jahren noch immer enorme Schwierigkeiten, einfache Matheaufgaben zu lösen oder einen längeren Text einigermaßen flüssig zu lesen. Das tägliche Arbeiten mit den Kindern verlangt mir oftmals sehr viel Geduld ab, immer wieder muss ich einzelnen von ihnen einen simplen Rechenschritt oder eine bloße Zahlenfolge erklären. Dies kostet natürlich viel Kraft, umso größer ist das Erfolgserlebnis dann jedoch, wenn eins von den Kindern nach geschätzten 45 Minuten endlich 7, 8 und nicht 7, 9 zählt. Außerdem nutzen die Kinder jede Ausrede, um sich vor ihren Hausaufgaben zu drücken. (Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurück denke, fällt mir auf, dass das in Deutschland wohl ganz ähnlich ist.) Ständig bitten sie mich darum, auf die Toilette gehen zu dürfen oder Wasser zu trinken. Besonders einfallsreich, wenn es darum geht, sich vor den Hausaufgaben zu drücken, zeigt sich Arón. Ständig lässt er seinen Bleistift fallen, um dadurch einige Minuten freie Zeit zu gewinnen.

Ein weiterer gemeinsamer Nenner vieler der Kinder in Las Torres ist die Vaterlosigkeit. Es gibt kaum intakte Familien. Viele der Kinder wachsen ohne Vater oder männliche Bezugsperson auf. Dies hat besonders für die Jungen fatale Folgen. Eben weil sie oftmals zu Hause die einzige männliche Person sind, suchen sie sich ihre Vorbilder auf der Straße .Dort wird ihnen dann ein zerstörerisches Bild von Männlichkeit beigebracht. Unsicherheit wird durch Aggressivität aufgewogen. Was immer wieder auffällt ist, dass viele dieser Jugendlichen Respekt mit Angst gleich setzen. Man respektiert mich, wenn man Angst vor mir hat und je härter ich bin, desto mehr respektiert man mich. Diese Auffassung von Respekt wird von der Gesellschaft gespiegelt. Wie soll sich ein Junge aus einem Problemviertel denn eine eigene soziale Identität schaffen, wenn der andere Teil der Gesellschaft ihn erst dann überhaupt wahrnimmt, wenn er zur Bedrohung ihrer Sicherheit geworden ist. Statt sich dem Problem zu stellen, schließt man sich lieber ein oder die vermeintlichen Gewalttäter weg. Letzteres sorgt dann wiederum für die enorme Vaterlosigkeit in den Barrios. Wie soll ein Kind denn normal aufwachsen, wenn mehr als 50 Prozent der erwachsenen Männer in diesen Vierteln entweder tot oder im Gefängnis sind? Wie können wir von diesen Kindern dann erwarten, sich sozial zu verhalten, wenn der besitzende Teil der Gesellschaft ihnen jede Möglichkeit dazu bereits im Vorhinein wegnimmt?

Durch die alltägliche Arbeit mit den Kindern bekomme ich ab und zu Geschichten über die familiären Hintergründe einiger von ihnen mit. Ich glaube, es gib nur wenige Kinder in Las Torres, die nicht zu mindestens ein Familienmitglied durch einen gewaltsamen Tod verloren haben. Immer wieder hört man von Cousins, Onkeln, oder Brüdern, welche erschossen wurden. Dies macht mich oftmals sehr nachdenklich. Ich frage mich einfach, was Jungen, die miteinander im gleichen Viertel aufgewachsen sind, dazu bringt, sich gegenseitig wegen Territorien, welche ihnen nicht gehören oder Drogen, welche sie nicht reich machen, zu erschießen. Viele dieser Jugendlichen sind im wahrsten Sinne des Wortes in ihrem Barrio eingesperrt. Durch Streitigkeiten mit anderen angrenzenden Barrios können diese Jungen ihren relativ kleinen Sektor nicht mehr verlassen. Ein Freund beschrieb mir einmal diese Situation treffend als „libre pero preso“ („frei aber gefangen“)

Dies sind Fragen, die ich mir angesichts meiner Erfahrungen hier vor Ort immer wieder stelle und welche mich des Öfteren nachdenklich machen.

Um einen genaueren Eindruck von den Kindern und ihren Problemen zu vermitteln, möchte ich im folgenden meine Erfahrungen bei der Arbeit mit einem der Kinder genauer schildern. Natürlich sind alle Kinder verschieden, jedoch lassen sich viele Auffälligkeiten von Jousber¹ auch bei einigen seiner Kameraden wahrnehmen.

Jousber ist acht Jahre alt, klein und eher schmächtig. Da seine Mutter den ganzen Tag arbeitet, treibt er sich seit frühester Kindheit auf den Straßen von Las Torres herum. Um es auf den Punkt zu bringen, Jousber ist kein einfaches Kind (was auch immer das heißen soll). Oftmals ist er sehr unruhig und aggressiv. Besonders mit José gerät er immer wieder aneinander. So wie viele der Kinder in Las Torres scheint er eine sehr aggressive Grundstimmung zu besitzen. Ich habe das Gefühl, dass er ständig denkt sich beweisen zu müssen. Und dies tut er nun eben über Körperlichkeit und Gewalt. Seine Gewaltausbrüche kommen mir manchmal wie Schutzmaßnahmen vor. Um sich vor Verletzungen jedweder Art zu schützen, ob verbal oder physisch, schlägt Jousber lieber zuerst zu. Diese Art von Aggressivität trifft man überall im Barrio.

Trotz seiner Aggressivität und seiner Unkonzentriertheit, offenbart sich immer wieder, dass dieser Junge sich eigentlich nach Zuneigung sehnt. Oftmals drückt er mich völlig überraschend und fragt mich, ob ich ihn nicht mit nach Deutschland nehmen könnte. An anderen Tagen überrascht er mich dadurch, dass er sehr ruhig und konzentriert an seinen Aufgaben arbeitet. Dementsprechend beschert mir Jousber immer wieder abwechselnd Momente von Verzweiflung und Freude.

¹ Die Namen der Kinder wurden geändert.
 
     
 
   
     
© 2011 - Freundeskreis Las Torres e.V. / Impressum / Kontakt