| |
Bereits jetzt, nach etwas mehr als drei Monaten, fällt es mir nicht leicht, mir noch einmal meine ersten Eindrücke der Stadt, des Landes und der Arbeit in Erinnerung zu rufen. So viel ist bereits in diesen ersten drei Monaten geschehen, so viele neue Eindrücke sind auf mich eingeprasselt, dass es mir nicht leicht fällt, diese zu ordnen. Zudem habe ich mich schon an so einiges in dieser ersten Zeit gewöhnt, sodass mir manche Sachen, die mich am Anfang vielleicht sehr überrascht haben, heute schon ganz alltäglich vorkommen. So ist das ständige Lärmen und Rauschen der Stadt zur Geräuschkulisse meines Alltags geworden. Ich erinnere mich jedoch noch sehr gut an meine erste Nacht in meinem neuen Zuhause, im Zuge derer ich, trotz des anstrengenden Fluges, so gut wie nicht geschlafen habe. Das Dröhnen der vorbeifahrenden Autos und das Krachen der Motorräder, geschweige denn die bis in die frühen Morgenstunden schallenden Salsaklänge war ich aus der deutschen Provinz einfach nicht gewohnt. Zudem scheinen die Caraquenos immerzu durch Krach auf sich aufmerksam machen zu wollen. So vertraut der Gasmann nicht einfach darauf, dass die Leute nach all den Jahren mittlerweile wissen, wann er vorbei kommt, nein, er schlägt morgens um halb sechs mit einen Schraubenzieher auf die Gasflaschen ein, damit auch jeder in der Strasse mitbekommt, dass er jetzt Gas kaufen kann. Auch dies hat jedoch seine Vorteile, so spare ich mir morgens den Wecker. Wenn ich das Gehämmer des Gasmannes höre weiß ich, dass ich noch ungefähr eine Stunde schlafen kann. Auch wenn es mir, wie bereits erwähnt, etwas schwer fällt, all die ersten Eindrücke noch einmal vorbehaltlos an meinem inneren Auge vorbeilaufen zu lassen, möchte ich im folgenden einige erste Eindrücke schildern.
Zum einen fiel mir sofort die weitreichende Politisierung des öffentlichen Raums ins Auge. Straßen und Häuserwände sind gesäumt mit chavistischen oder auch antichavistischen (die venezolanische Opposition betreibt ebenso wie die Regierung Chavez intensiv Propaganda) Parolen. Die politische Sphäre scheint mir heute in Venezuela soweit ausgeweitet zu sein, dass es schier unmöglich ist, sich den politischen Grabenkämpfen zu entziehen. Man wird geradezu genötigt, Position zu beziehen. Neutralität zu wahren scheint mir in dieser aufgeheizten Stimmung unmöglich zu sein. Ein weiterer erster Eindruck, der sich wortwörtlich aufdrang, war der Gestank und der Schmutz der Stadt. Abgase und Staub bahnen sich ihren Weg durch die noch so kleinste Lücke im Tür- oder Fensterrahmen. Empfindliche Personen müssten hier wahrscheinlich zweimal am Tag putzen und würden die Wohnung wohl auch eher selten verlassen.
All dies ist jedoch bereits jetzt für mich so alltäglich geworden, dass ich mich manchmal dabei erwische, wie ich mich über Freunde oder Bekannte wundere, die sich bei ihrem ersten Besuch im Barrio über die hygienische Zustände aufregen.
Was mich zudem nachhaltig beeindruckt und überrascht hat, ist der Einfallsreichtum vieler Venezolaner, wenn es darum geht, irgendwie an Geld zu kommen. Generell scheinen die Caraquenos aus allem Geld zu machen. Der Fantasie sind dabei eigentlich keine Grenzen gesetzt, so verkaufen manche Leute einzelne Zigaretten an den Straßenecken oder bieten ihr Handy gegen eine kleine Summe für ein Telefonat an, andere verdienen ihr Kleingeld damit, die Endstationen der ankommenden Busse auszurufen.
Sicher, das, was diese Straßenverkäufer durch ihre Verkäufe verdienen, ist extrem wenig, dennoch scheint mir zumindest in diesem Punkt der Mangel an Bürokratie in Venezuela einige Türen zu öffnen.
Meine Arbeit
Nach zwei Wochen Zwangsurlaub (die Kindergärten und Schulen waren auf Grund der bevorstehenden Wahlen geschlossen) begannen wir unsere Arbeit zunächst im Maternal. Die Arbeit mit den Kleinsten war zwar nicht sehr abwechslungsreich, hat mir im Großen und Ganzen jedoch sehr viel Spaß gemacht. Da viele der Kinder zum ersten Mal für längere Zeit von ihren Eltern getrennt waren, waren die ersten beiden Wochen natürlich sehr tränenreich. Dementsprechend bestand unsere Arbeit zum größten Teil aus In-den-Arm-nehmen und Trösten. Die Zeit mit den Kleinsten habe ich sehr genossen, da die Kinder angenehm unkompliziert und einfach nur unglaublich liebenswert waren. Ein Kind hat es mir ganz besonders angetan, in den drei Wochen meiner Arbeit im Maternal ist die Kleine nur selten von meiner Seite gewichen. Aus diesen Gründen schaue ich auch heute an meinem freien Nachmittag noch gerne im Maternal vorbei, um die Kinder wieder einmal zu sehen.
Nach der Zeit im Maternal fingen Kristina und ich dann im Zentrum El Retiro an zu arbeiten. Ich entschied mich dafür, in der zweiten Gruppe, bei den vier- bis fünfjährigen Kindern, anzufangen. Diese Entscheidung war folgenschwer. Da zwei Stammkräfte für längere Zeit ausfielen, wechselten sich wöchentlich Aushilfen in meiner Gruppe ab. Ich war in der ersten Zeit in meiner Gruppe neben den Kindern die einzige Konstante. Der ständige Personalwechsel trug seinen Teil dazu bei, dass die Stimmung insgesamt sehr unruhig war. Die Kinder respektierten die vielen Aushilfen zunächst gar nicht und gingen wortwörtlich über Tische und Stühle. Besonders ein Kind fiel immer wieder negativ auf, Juan¹.
Juan ist ein auf den ersten Blick völlig normaler Junge. Mit seinen haselnussbraunen Augen kann er einen schon ziemlich leicht um den Finger wickeln. Doch die niedliche Fassade täuscht, Juan hat es faustdick hinter den Ohren und ist eines der unruhigsten Kinder dieser Gruppe. Immer wieder ärgert und schlägt er andere Kinder ohne ersichtlichen Grund. Er hört weder auf mich noch auf die Maestras. Disziplinarischen Maßnahmen, welche sein Handeln unweigerlich nach sich ziehen, quittiert er meist mit Schrei- und Weinkrämpfen. Oftmals verzweifeln die Maestras an seinem unkontrollierbaren Verhalten und geben resigniert auf. Eines Tages versuchte ich einmal, an Juan näher heranzukommen. Als er mal wieder nicht hören wollte, nahm ich ihn ruhig beiseite, setzte ihn auf einen Stuhl etwas abseits der Gruppe, kniete mich zu ihm herunter und fragte ihn, warum er nicht ruhig mit den anderen Kindern spielen wolle. Überraschenderweise blieb Juan erstaunlich ruhig, weder schrie noch weinte er. Mir fiel jedoch auf, dass meine Worte ihn offensichtlich gar nicht erreichten. Obwohl er ruhig auf dem Stuhl saß, suchten seine Augen wie gehetzt Halt im Raum, er wandte den Kopf von der einen zur anderen Seite und schaute mir eigentlich nie länger als vielleicht ein, zwei Sekunden in die Augen. Meine Worten schienen an ihm abzuprallen. Er wiederholte zwar wahllos einzelne Wörter, doch schien nicht wirklich zu verstehen, was ich ihm miteilen wollte. In mir stieg das Gefühl auf, nicht wirklich an ihn ranzukommen. Ich denke, Juan zeigt ernste Anzeichen einer Verhaltensstörung, er scheint mir wie ein Getriebener zu sein, oftmals ist er schweißnass, weil er minutenlange wie wild, ohne ein bestimmtes Ziel, durch den Raum rennt. Dass ich so gar nicht an ihn rankam, um zu verstehen, was mit ihm los ist, hat mich sehr traurig gemacht. So schön die Arbeit mit den Kindern in vielen Momenten auch ist, so manches Mal kehre ich frustriert mit dem Gefühl, nicht wirklich helfen zu können, in unsere Wohnung zurück.
All dies machte den Anfang im Zentrum El Retiro für mich etwas schwer. Mehr als einmal sehnte ich mich nach einem erneut lauten und aufreibenden Arbeitstag in El Retiro nach der ruhigen Zeit im Maternal zurück.
Nach der Rückkehr der beiden Maestras relativierte sich dieser Wunsch jedoch sehr bald. Die Kinder wurden etwas ruhiger und die Maestras schienen mir die „Problemfälle" besser im Griff zu haben. Die ruhigere Arbeitsatmosphäre ermöglichte es mir, mich mit einzelnen Kindern intensiver zu beschäftigen. So begannen die Kleinen, mir sehr ans Herz zu wachsen und heute, da unser Wechsel zum Zentrum Las Torres unmittelbar bevorsteht, finde ich es schon etwas traurig, dass unsere Zeit mit den Kindern im El Retiro so schnell verging.
Aufgrund der heftigen Regenfälle im November wurde der Unterricht im ganzen Land vorzeitig ausgesetzt. Kristina und ich nutzten die freie Zeit, um gemeinsam mit Gisela und einigen Maestras die betroffenen Familien in Las Torres zu besuchen und ihnen unsere Hilfe anzubieten. Dadurch erhielten wir beide einen ersten Einblick in die Sozialstruktur und die Lebensbedingungen der Menschen in den höher gelegenen Teilen des Barrios Las Torres. Dort oben bot sich mir ein völlig anderes Bild. Sicher, auch im weiter unten gelegenen Teil kann einen die Armut und Gewalt erschrecken. Weiter oben jedoch erwartete mich eine weitaus extremere Situation. Die Familien wohnen dort oben wortwörtlich in Blechhütten. Auf engstem Raum leben oftmals bis zu zehn Personen unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammen. Der Gestank ist für eine empfindliche Nase geradezu unerträglich und eine gesicherte Wasserversorgung ist schlichtweg nicht vorhanden. Dementsprechend sind die hygienischen Bedingungen schlecht. Auf den „Strassen" tummeln sich verwaiste Hunde und jeden zweiten Morgen vernimmt man erneut Meldungen über ermordete oder verschwundene Familienmitglieder. Die Gewalt scheint mir in Las Torres ein völlig neues Level erreicht zu haben. Natürlich hört man auch in Cotiza immer wieder von Schießereien und Überfällen, diese Häufung von Todesfällen ist jedoch für ein ehemals eher ruhiges Barrio wie Las Torres äußerst ungewöhnlich. Auf die Frage, was die Ursache dieser extremen Gewalt ist, bekomme ich immer wieder die gleiche Antwort: Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Drogenbanden und Kämpfe um Territorium. Diese Antwort ist plausible und erklärt dennoch gar nichts. Was einen Jugendlichen von vielleicht 17 Jahren dazu veranlasst, einen Altersgenossen und ehemaligen Schulkameraden zu erschießen (ähnliches ist vor einigen Wochen in Las Torres geschehen), bleibt mir unbegreiflich. Dieses von Gewalt und Armut vergiftete Umfeld hat unweigerlich einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes. Umso wichtiger erscheint mir die Wahrung eines friedlichen und kinderfreundlichen Ortes im Barrio in Form der Zentren der ACEISB.
Das Gelingen des Projektes scheitert leider manchmal bereits an den Eltern. Einigen scheint der Antrieb und Wille zu fehlen, für eine gute Ausbildung ihrer Kinder einige „Unannehmlichkeiten" auf sich zu nehmen. Die Mutter von Roger, einem Junge aus meiner Gruppe im Zentrum Retiro, scheint es zum Beispiel nicht zu schaffen, ihren Sohn jeden Tag der Woche um 7:30 Uhr zum Zentrum zu bringen. Dementsprechend ist Roger nur jeden zweiten Tag anwesend. Die übrigen Tage verbringt er auf der Strasse oder in den beengten Verhältnissen seines Zuhauses. Ich frage mich oft, woran es liegt, dass manche Eltern offensichtlich nicht dazu bereit oder in der Lage sind, ein kleines bisschen mehr Einsatz im Bezug auf die Ausbildung ihrer Kinder an den Tag zu legen. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass sie oftmals nicht viel älter sind als ich, bereits zwei oder drei Kinder haben und zudem alltäglich mit den Problemen ihres direkten Umfeldes (des Barrios) konfrontiert werden. Es fällt mir nicht schwer mir vorzustellen, dass eine 21-jährige alleinerziehende Mutter mit zwei, drei Kindern überfordert ist. Aus diesem Grund kann man im Zuge der Arbeit mit den Kindern leider nicht immer auf die volle Unterstützung der Eltern zählen.
Natürlich sind nicht alle Eltern so. Viele engagieren sich vorbildlich und sind sichtlich an einer guten Ausbildung ihres Kindes interessiert. Auch das Leben im Barrio scheint mir seine Vorteile zu haben. Die Menschen hier scheinen trotz all der Widrigkeiten eine offene, menschenfreundliche Art zu wahren. Auf der Strasse werde ich schon jetzt immer wieder herzlich gegrüßt. Die Leute zeigen sich generell unheimlich interessiert an uns. Dementsprechend wird man immer wieder in einen kleinen Schnack verwickelt, sodass ein einfacher Gang zur fünf Minuten entfernten Bodega (Laden) schon einmal eine halbe Stunde in Anspruch nehmen kann. All dies gefällt mir sehr und macht mich froh darüber, mein Jahr in Venezuela hier im Barrio verbringen zu dürfen. Das Leben hier bietet mir jeden Tag eine Fülle von neuen Eindrücken und Erfahrungen, welche ich vielleicht sonst nie gemacht hätte.
Die ganz offensichtliche soziale Zweiteilung der Stadt störte und stört mich sehr. Ich kann und will es einfach nicht verstehen, wie es möglich sein kann, dass, während sich im Barrio Jugendliche für 20 Bolivares (ca. 2 Euro) über den Haufen schießen, in Altamira und Country Club reiche Geschäftsmänner in ihren eingemauerten Riesenvillen sitzen und sich Importwhisky schlürfend über den ach so schrecklichen Guerilla-Kommunisten Chavez beschweren. Natürlich ist die Situation in den Barrios alles andere als ideal, aber anstatt sich aufzuraffen und etwas dagegen zu unternehmen, habe ich das Gefühl, dass viele Menschen hier, die zumindest die finanziellen Mittel besäßen, um wirklich etwas zu bewegen, sich lieber in IHREN Vierteln einschließen und einen großen Bogen um die Krisenviertel machen. Obwohl diese Menschen in der gleichen Stadt leben, scheint es ein Gefühl der Solidarität, der Verantwortlichkeit in der reichen Oberschicht nicht zu geben. Oftmals sind es die Menschen, die selber nicht viel haben, welche sich unglaublich engagieren und versuchen, das Leben in ihrer Comunidad (Gemeinde) positiv zu beeinflussen.
Nach nun vier Monaten kann ich bereits ohne Bedenken sagen, dass Venezuela oder vielmehr Caracas immer mehr zu meiner neuen Heimat wird. Auch wenn Momente der Frustration und des Ärgers natürlich nicht ausbleiben, habe ich meine Entscheidung, hierher zu kommen, nicht einmal bereut. Ich fühle mich hier wirklich rundum wohl und bereits jetzt beunruhigt es mich zu sehen, wie schnell die Zeit doch vergeht. Wenn ich daran denke, dass wir schon vier Monate hier sind, graut es mir, da ich das Gefühl habe, erst so wenig gemacht und noch so viel vor zu haben.
¹ Die Namen der Kinder wurden geändert.
|
|