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Wieder zurück in Deutschland. Ein Jahr vergeht doch schneller als man denkt. Rückblickend erinnere ich mich an die weisen Worte Zoraidas (Köchin im Zentrum), die sie Moritz und mir in unserer sprachlich noch schwierigen Anfangsphase mitgab „In diesem Jahr werdet ihr euch an alles gewöhnen, an das Essen, die Menschen, die Sprache, die Arbeit, die Kinder, an das ganze Leben und wenn es gerade am schönsten für euch ist, müsst ihr wieder fahren.“
Und genau so fühlte ich mich bei unserem Abschied. Nach all den Hindernissen habe ich meinen Platz in Caracas gefunden, war glücklich in einem neuen Zuhause und plötzlich von einem Tag auf den anderen wird alles, was man sich aufgebaut hat, wieder eingetauscht: Musik in den Straßen gegen Stille, Chaos gegen Ordnung, Schwitzen gegen Frieren, Motorräder gegen Fahrräder, neue Freunde gegen alte, Wg-Leben gegen behütetes Zuhause.
Viel verändert hat sich in Bremen, meiner Heimatstadt, nicht, bis auf die beendete oder neu angefangene Baustelle ist alles beim Alten geblieben, selbst das so zuverlässige Regenwetter bleibt nicht aus. Die Freunde sind noch immer die gleichen, einige waren auch weg: in Australien, auf freiwilligen Mission in Afrika oder haben ein Jahr lang Auszeit in Bremen genossen, nichtsdestotrotz stehen sie alle mitsamt meiner Familie am Flughafen und erwarten mich.
So sollte man sich doch wirklich wieder auf zuhause fühlen, oder etwa nicht? Und wo war gleich noch mal Zuhause?
Wirklich viel Zeit über die Zeit in Venezuela nachzudenken hatte ich noch nicht. Die Erfahrungen, die Eindrücke, die Veränderungen, mein Fazit (wenn man ein solches überhaupt ziehen kann) sind bisher noch viel zu kurz gekommen.
Oft habe ich das Gefühl, dass das „Deutsche“ mein Leben als caraquena ausradiere. Ich laufe durch die Straßen Bremens, werde aber fast nie an Caracas erinnert. Das fühlt sich sehr merkwürdig an, schließlich war man gerade da, alles müsste doch noch aktuell sein!?!
Meine Erklärung ist die Ferne, ob geographisch oder kulturell, es ist nun mal eine komplett andere Welt: mit anderen Lebensumständen, Denkmustern, Lebensstilen, ganz anderen Mentalitäten und sehr unterschiedlichem Funktionieren, die mit den Puzzleteilen Deutschlands nicht zusammen passen, so dass Erinnerungen an das letzte Jahr verdrängt beziehungsweise überdeckt werden.
Noch fällt es schwer, von allem so schnell und stark Abstand zu nehmen. Mit der Zeit zum Nachdenken und Verarbeiten bin ich mir aber sicher, es als einen schönen und lehrreichen Abschnitt meines Lebens sehen zu können und sich nicht mehr so viel zu sehnen. - Nach der Herzlichkeit, der Wärme, der Aufgeschlossenheit und dem Gefühl des sorglosen venezolanischen Lebens, auch wenn es für einen Venezolaner ganz sicher nicht immer eines ist, er es aber zu einem zu machen weiß.
Vor kurzem hat mich eine Anmerkung zum Nachdenken angeregt. Es war meine Mutter, die zu mir sagte „Man merkt, dass du mit Kindern gearbeitet hast.“
Es war ein Gespräch mit meiner siebenjährigen Cousine, das sie mitgehört hatte.
Als ich über ihr Kommentar nachdachte, kam ich zu dem Entschluss, dass meine Mutter Recht hat. Meine Art und Weise wie ich mit der Kleinen geredet habe, hat sich im Vergleich zum Vorjahr komplett geändert, zum Positiven natürlich! Mir wurde zum ersten Mal richtig bewusst wie viel Verständnis, Feingefühl und Gespür ich für Kinder gewonnen habe. Wie viel bewusster ich mit ihnen umgehen gelernt habe: mit ihnen zu reden, sie zu verstehen, einzuschätzen, ihnen zu helfen, sie zu unterstützen und sogar auszutricksen.
Wobei wir bei dem Thema, die Arbeit mit den Kindern, angekommen wären. In den letzten Wochen haben wir mit den Kindern unser Projekt beendet und uns tränenreich und traurig verabschiedet.
Nachdem mit viel Liebe und Geduld die letzten Instrumente fertig gebastelt wurden, haben wir den Kindern zwei vorab ausgewählte Lieder zur Auswahl gestellt.
Die Entscheidung überließen wir der Gruppe, was sich als sehr leicht herausstellte, da Manu Chaos Lied „Me gustas tu“ sehr viel Begeisterung fand.
Als wir dann Sänger und Instrumentenspieler eingeteilt hatten sowohl den Text mit den Kindern auf ihre Interessen angepasst hatten, ging es an das Einstudieren.
Was sich widersprüchlich der Anfangsbegeisterung als schwierig gestaltete.
Einigen Kindern fehlte es an Motivation, die sehr schnell verfliegt, vor allem aber fehlte es an Durchhaltevermögen und Aufmerksamkeit.
Mit etwas Autorität und sehr viel Geduld konnten wir uns am Ende doch noch durchsetzen und sind auf sehr viel Neugierde an Musik gestoßen.
Moritz brauchte nur die Gitarre mitbringen und schon klebten etliche neugierige Finger an ihr, um den Tönen zu lauschen und einmal Rockstar zu spielen.
Dies hat mich aufhorchen lassen, aber gleichzeitig auch enttäuscht, dass so viel Interesse an Musik verloren geht. So könnten die Kinder auf kreativer Art und Weise gefördert werden, nur leider geht dies in den meisten Fällen im Barrio unter und die Kinder singen nur das neuste Reggeatonlied mit, eben das, was ihnen leicht zugänglich ist und sie aufschnappen können.
Bei unserer Aufführung in der großen Aula war unsere kleine Band sehr aufgeregt. Es war ein schöner Moment mit den Kindern auf die Bühne zu gehen und sie dann ganz stolz ihr Werk präsentieren zu lassen.
Dieser Abschluss hat mich sehr stolz gemacht, das Potenzial, den Willen und die Freude der Kinder aus Las Torres zu sehen, die Hoffnung gegen das Ankämpfen des tristen Barrioalltags geben.
Gelungener Abschluss in Las Torres, was ist aber mit Cuijcitos? Leider ging unsere Planung nicht auf und wir konnten nicht die gewünschte Zeit und Energie in die Arbeit mit den Kindern aus Cuijicitos stecken. Was ich sehr schade finde, aber immerhin hatten wir Gelegenheit uns einen Eindruck zu machen und Schlüsse aus diesem zu ziehen.
Was mir in meiner Zeit besonders auffiel, ist der große Unterschied, den man in Los Cujicitos findet, die Probleme ähneln im Vergleich mit Las Torres Kleinigkeiten. Die Kinder sind kleine „Engelchen“.
Es überraschte mich wie ein Mädchen einen anderen Jungen aufgrund seiner unfreundlichen Art ermahnte. In einem sehr angenehmen Ton wies sie ihn auf sein unangemessenes Verhalten hin. So etwas wäre in Las Torres eine Ausnahme gewesen.
Und auch in der nächsten Zeit hat sich diese Beobachtung des besseren sozialen Verhaltens bestätigt, der nette, freundschaftliche, soziale und geduldige Umgang miteinander.
Die Kinder sind sehr viel ruhiger, selbstständiger und zeigen nicht so viele Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten auf.
Dadurch wird ganz deutlich der negative Einfluss des Barrios, der auf die Kinder aus Cujicitos weniger einwirkt, erkenntlich.
An dieser Stelle würde mehr Zusammenarbeit der beiden Zentren und somit ein Austausch zwischen den Kindern bestimmt von Vorteil für beide Gruppen sein.
Gerne hätte ich den Kindern aus Cujicitos mehr Zeit gewidmet und etwas dazu beigetragen, dass die beiden Kindergruppen zueinander finden und so mit der Zeit vielleicht eine größere Gemeinschaft bilden könnten.
Die Tradition der deutschen Freiwilligen ist bei den Mitarbeitern, Kindern und im Barrio bekannt und willkommen. Wir sind keine Fachkräfte, lediglich Abiturienten, aber dennoch glaube ich, dass wir gerade mit unserer Unerfahrenheit eine Bereicherung für die Zentren sein können.
In Erinnerung an die Arbeit möchte ich sagen, dass es eine einschneidende Erfahrung in meinem Leben war. Von der, so glaube ich, ich zwar mehr für mich mitgenommen habe, aber die Kleinen ganz sicher auch die Liebe, Aufmerksamkeit und Zuneigung zu schätzen wissen und wenn sie erwachsen sind sich immer noch positiv an uns, deutschen Freiwilligen, erinnern werden.
Noch etwas Persönliches zum Schluss...
Ich sehe vieles mit anderen Augen. Mir fällt mit der Zeit immer mehr auf, worauf ich vorher nicht so viel geachtet habe oder einfach als sehr selbstverständlich hingenommen habe. Wenn ich unterwegs in Deutschland, meinem eigentlichen Zuhause bin, so fühle ich mich wie auf einer kleinen Entdeckungstour.
So sitze ich zum Beispiel in der Straßenbahn und mir fällt das erste Mal ganz deutlich auf wie vielfältig Bremen, ja ganz Deutschland ist, aus welchen Kulturen Deutschland doch besteht. In wie fern diese Kulturen das deutsche Bild beeinflussen und wie diese zusammen wirken oder zusammen wirken könnten.
Ich denke anders über meine Eltern nach, die vor 14 Jahren nach Deutschland immigrierten und sich in einer fremden Welt zurechtfinden und einleben mussten. Ich kann mir die Probleme ausmalen und vorstellen, ja vielleicht sogar ein Stück nachfühlen.
Ich schätze mein Zuhause und verzichte doch gerne auf vielen Luxus, an dem es mir auch in dem letzten Jahr nicht mangelte.
Immer wieder stelle ich fest wie geordnet und geregelt Deutschland ist und wie viel Sicherheiten es seinen Bürgern zu bieten hat, wo es in Venezuela an Grundstrukturen mangelt und trotzdem scheinen Deutsche nicht so glücklich zu sein und mehr zu meckern.
Das ist vielleicht eine pauschale Aussage, die man unbegründet nicht so da stehen lassen sollte, schließlich spielt sich unser Leben in ganz anderen Dimensionen ab und hat entsprechende Rechtfertigungen für die Beschwerden, trotzdem rate ich jedem etwas nachhaltiger zu sein.
Immer wieder werde ich wachgerüttelt, wie viel doch ein Schicksal bestimmen kann - Ich schaue auf das Titelblatt des Jahresschreibens, es sagt nicht nur Freundeskreis Las Torres 2010/11, nein es eröffnet für mich eine kleine Lebensgeschichte. Ich kenne die beiden Schwestern auf dem Foto, ich weiß genau wie sie sich verhalten, wie sie sind, wo sie wohnen, wie sie wohnen, kann mir vorstellen was sie in ihren jungen Jahren schon erlebt haben.
Es bringt mich zum Nachdenken, ich fange an zu studieren, werde unter guten Umständen weiterleben, mir stehen so viele Perspektiven und Möglichkeiten offen und diese beiden Mädchen sind durch einen Zufall in andere Lebensumstände geboren worden. Haben nicht die Selbstverständlichkeiten und Sicherheiten, die ich in ihrem Alter hatte. Selbst das Elementarste, die eigene Sicherheit, fehlt ihnen.
Sie müssen für ihre Zukunft kämpfen, schön dass es das Zentrum gibt, das ihnen auf diesem Weg beisteht, aber ob es genug für diese zwei Mädchen ist?
Ich glaube, das können wir niemals sagen. Wir können nur versuchen und Erfolg haben.
Natürlich können wir grundsätzlich keine Strukturen im Barrio ändern, aber Einzelschicksalen so wie diesen Schwestern können wir helfen.
Vor einem Jahr war ich noch so ahnungslos und jetzt weiß ich gar nicht wohin mit meinen Eindrücken.
Ich möchte dem Verein Freundeskreis Las Torres für diese einmalige Chance, die mir ermöglicht wurde, danken, insbesondere Christel und Lothar Schuck, die mit so viel Leidenschaft jahrelang das Projekt am Leben erhalten.
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