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2. Bericht von Kristina

Caracas, Mai 2011  
 

Sind es wirklich nur noch zwei Monate, die mir mit den Kindern verbleiben? (Insgesamt sind es zum Glück doch noch vier Monate in Venezuela.) Es ist eine unausweichliche Frage, an die wohl jeder Freundeskreis-Freiwillige gelangt.

So hin- und hergerissen bin ich im Moment, wenn ich ehrlich bin. Ich schaue auf die vergangenen Monate zurück und suche nach Antworten, wo die Zeit geblieben ist: Ist es die anfangs zu lang scheinende Eingewöhnungsphase, die zu überwindenden Sprachbarrieren, die einem zu viel von der Zeit rauben oder tickt in Venezuela die Uhr anders?

Was auch immer die Antwort auf diese Frage sein möge, hänge ich der vergangenen Zeit hinterher und gleichzeitig versuche ich, die übrige Zeit zu genießen. Eine Mischung der Gefühle, die sich bestimmt noch verwirrender bei der Rückkehr nach Deutschland zeigen wird, wenn man auf dieses aufregende Jahr zurück blickt.

Jetzt aber Schluss mit Philosophie über die Zeit! Schließlich hat sie mich auch vieles Bereicherndes gelehrt:

Bevor wir Ende Februar nach Las Torres wechselten, ließen wir uns eine Einführung in die kulinarische Kunst der venezolanischen Küche nicht entgehen. Moritz verbrachte zwei Wochen in der Küche des „El Retiro“ und ich ließ mich in der Maternalküche mit Trina und Zoraida nieder. Es war eine tolle Erfahrung: nicht nur für meinen Gaumen und mein Rezeptbuch, sondern auch aus dem Blickwinkel eines Kochlehrling zu sehen, wie in dem Bereich der Küche mit langanhaltender Beständigkeit und vor allem viel guter Laune und Liebe eine wichtige Arbeit für die Asociación getan wird.

Nach diesem für mich sehr entspannten, genüsslichen Exkurs haben wir nach Las Torres gewechselt. Und sind somit in ganz andere Strukturen und ein anderes Arbeitsklima eingetaucht. Auf Anhieb gefiel es mir in Las Torres sehr gut, vor allem die Freiräume und somit die große Abwechslung, die dieses Zentrum im Vergleich zu den anderen bieten kann.

In Las Torres trifft man auf ein sehr eingespieltes und stets nach Verbesserung strebendes Team. Neben der Hausaufgabenbetreuung tragen die beiden Lehrer für Sport und Werken zum vielfältigen Lernangebot bei. Sie sind ein Gewinn und ein guter Einfluss auf die Kinder. Auf andere Weise fordern sie Denken und Kreativität der Kinder und verbessern ihr soziales Verhalten. Wobei Letzteres eine der größten „Baustellen“ der Kinder ist.

Die Kreativität, Abwechslung und das Engagement machen mich hier sehr glücklich. Natürlich nehmen auch die Kinder und die Arbeit mit ihnen einen wichtigen Platz bei meiner Zufriedenheit ein.

Viele der Kinder sind so pfiffig und gewitzt, dass ich sie sofort lieb gewonnen habe: So kann der sechsjährige Wiliam¹ zum Beispiel ganz fix multiplizieren, obwohl man es ihm in der Schule noch längst nicht beigebracht hat. Weil er aber schon fast auswendig subtrahieren und addieren kann, hat er das Ein-Mal-Eins für sich entdeckt.

Während ältere Kinder noch sehr viel mit ihren Fingern und öfters auch meinen Fingern rechnen, braucht er diese kleinen Helfer selbst bei zweistelligen Zahlen nicht. Und wenn er bei der Hausaufgabenbetreuung mehr Rechenaufgaben möchte, wo andere Kinder schon anfangen zu klagen oder erst gar nicht anfangen, wundere ich mich.

Doch ist Wiliam die Ausnahme. Die wenigsten arbeiten mit solcher Leichtigkeit und Selbstständigkeit. In Las Torres erscheinen mir die Leistungsunterschiede zwischen den Kindern noch viel gravierender als in der Vorschule El Retiro.

Zweitklässler, denen das Lesen, selbst einfaches Silbe-für-Silbe-Lesen oder das Unterscheiden von Vokal wie „a“ und „o“ immer noch Schwierigkeiten bereiten, sind nicht die Ausnahme. Andere können die Zahlen bis zehn kaum oder gar nicht.

Neben solchen Wissenslücken ist die Konzentration eine sehr verbreitete Schwierigkeit. Gabriela, ist ein Mädchen, das sehr unkonzentriert arbeitet. Und oft in einer Stunde nur zwei Zeilen geschrieben hat, weil sie sich für alles andere lieber interessiert als für ihre Schulaufgaben. Und wenn ich sie zum dritten Mal auffordere, an ihrer Aufgabe zu arbeiten, redet sie sich damit heraus, ich würde ihr nicht helfen. So kreativ meine Animierungsversuche auch sind, zeigt Maria mehr Widerwillen als Bereitschaft und macht so die Arbeit mit ihr zu einer Geduldsprobe.

Andere Kinder hingegen, haben zwar ihre Schwächen, brauchen mehr Zeit für das Erledigen ihrer Hausaufgaben, zeigen sich aber lernbereit und interessiert. So habe ich zum Beispiel Roger das Dividieren beigebracht. Das war ein schöner Erfolg, vor allem, als er seine richtigen Lösungen ganz stolz Dilia, seiner Professorin, vorgezeigt hat.

An Lernbereitschaft mangelt es nicht. Mit der Neugierde, die die Kinder aus Las Torres an den Tag bringen, unterscheiden sie sich von keinen anderen gewöhnlichen Kindern. Der Unterschied besteht in den erschwerten Umständen, in denen Wiliam und seine Freunde leben: Francesca wohnt ganz oben in Las Torres mit ihren zehn Geschwistern, Lukas treibt sich den ganzen Tag auf der Straße herum, anstatt nach der Hausaufgabenbetreuung zur Schule zu gehen, Niwde und Yoselin unterhalten sich über die Schüsse der letzten Nacht, Joel, eines der ältesten Kinder, sagt mir, dass man hier wegen eines Blackberrys tötet, Alian fragt mich, ob in meiner Familie in Deutschland auch jemand erschossen wurde, so wie es ihrem Onkel passiert ist, Mikel kommt nicht zur Hausaufgabenbetreuung, weil er keine saubere Kleidung hat. Diese Auswahl an Beispielen soll den Einfluss der Umgebung verdeutlichen.

Es ist keine leichte Kindheit, die diese Kinder erfahren. Auch wenn die Kinder sich ihrer Umstände nicht bewusst sind, wachsen viele in Armut und sehr erschwerten Bedingungen auf.

Angesichts dessen erscheint für viele die „gute“ Zukunft eine Hürde zu sein, bei deren  Meisterung ein Zentrum wie Las Torres mehr als nötig sein kann, aber nicht von allen so genutzt wird. Es verwundert mich, wie unregelmäßig einige Kinder teilnehmen. Hiermit kommt man aber zum nächsten Problem, den Verantwortlichen der Kinder, ihren Eltern. Wie kann die sechsjährige Annika zur Hausaufgabenbetreuung kommen und sich verbessern, wenn niemand sie bringt?

Es liegt auf der Hand, dass ohne Hilfe und Rückhalt der Eltern langfristig keine Erfolge erzielt würden können.

Eine andere Beobachtung ist das Lechzen nach Zuneigung und die schnelle Offen- und Zugänglichkeit der Kinder. So passiert es in Las Torres noch schneller, dass sich ein Kind auf mein Schoss legt oder sich an meine Schulter schmiegt. Für mich alles Anzeichen fehlender Zuneigung im Elternhaus.

So schwierig und anstrengend die Kinder manchmal auch sein mögen, möchte ich gar nicht an den Abschied denken, der immer näher und näher rückt.

Als Projekt mit der Morgen- und Nachmittagsgruppe aus Las Torres haben wir uns für ein Musikprojekt entschieden. Diese Wahl fiel so aus, da Musik etwas sehr Schönes ist, jeder sich nach seinem Können und seiner Kreativität austoben kann und dieser Bereich im Moment nicht abgedeckt wird.

Der erste Schritt war die eigene Instrumentenproduktion. Aus ganz alltäglichen recyclbaren Haushalts„abfällen“ wie Plastikflaschen oder Milchpulverdosen haben wir verschiedene Musikinstrumente gebastelt. Es gibt eine Rassel-, Trommel- und eine Regenmachergruppe.

Es war ein teilweise langwieriger Prozess. Die Schritte des Erstellen eines Instrumentes wiederholten sich und wiederholten sich, so dass man bei der 20sten Trommel langsam müde wurde. Und schließlich will man jeder Idee eines Kindes nachgehen und keinen zu kurz kommen lassen.

Oft ging es nicht ohne etwas Strenge, zum Beispiel wollten alle auf einmal hoch auf den Spielplatz oder es flossen Tränen, weil wir „schon“ wieder nicht mit einem Kind arbeiten und sowieso niemals mit ihr/ihm arbeiten würden. Neben solchen und anderen Hürden, wie dem Respekt, haben wir sicherlich mehr Nähe und Vertrauen zu den Kindern gewonnen.

Da mittlerweile fast alle Kinder ihr Instrument abgeschlossen haben, können wir mit dem zweiten Teil des Projektes anfangen, dem Einstudieren einiger Lieder.

Wenn diese musikalische Leistung vollbracht wird, sollte alles in einem harmonischen Konzert enden.

Uns bleibt wenig Zeit, aber in dieser wollen wir noch einige kleinere Projekt in dem anderen Zentrum Cuijcitos durchführen und kleine Renovierungsarbeiten in Las Torres durchführen.

So möchte ich auch gerne enden, mit motivierenden Worten auf die letzte verbleibende Zeit. Es ist so schön!

¹ Die Namen aller Kinder wurden gändert.

 

 
     
 
   
     
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