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Und, wie war's?
Eine Frage, die so einfach zu stellen und doch nur so komplex zu beantworten ist.
Eben noch das tropische Klima, die Straßen voller Menschen, Chaos und Musik, Straßen voller Leben.
Und dann ist man von einem auf den anderen Tag plötzlich wieder zurück, zurück in Deutschland. Kalt, ordentlich, deutsch.
Ein Jahr und doch kommt es mir wie eine Ewigkeit vor.
Ich habe so viel erlebt, mich wohlgefühlt, mir ging es gut, mir hat die Arbeit Spaß gemacht, ich habe Freunde gefunden. Ich hatte die Möglichkeit, ein Land und dessen Kultur wirklich kennenzulernen und habe gelernt, die Sprache der Menschen zu sprechen, ihre Gelassenheit, Freude, Warmherzigkeit, das Tanzen.
Wenn ich jetzt an den Anfang, die ersten Tage und Wochen in Venezuela zurückdenke, sehe ich, wie wir noch etwas verloren und unwissend dastanden, in einer riesigen Stadt, in einem fremden Land. Und doch waren wir voller Energie und gespannt auf alles Neue.
Die Arbeit mit den kleinen Kindern im Zentrum EI Retiro war gut, um erst einmal einen Einblick zu bekommen und die geringen Sprachkenntnisse zu verbessern.
Anfangs war es nicht ganz einfach, einen Platz zu finden.
Mit der Zeit lernten wir den Ablauf kennen. Die einzelnen Kinder und auch die Maestras öffneten sich, und so langsam verbesserten sich die Sprachkenntnisse.
Am Ende habe ich mich endlich integriert gefühlt, ich hatte meinen Platz gefunden und mich schließlich auch einbringen können, so dass ich ein kleines Recycling-Projekt mit meiner
Gruppe gemacht habe. Wir haben Armbänder und Arbeitsschürzen aus Werbebandstoffplakaten
gebastelt.
Zusammen haben Niklas und ich zu Weihnachten mit allen Gruppen Kekse gebacken und mit der dritten Gruppe haben wir für ein Wichtelprojekt von deutschen Grundschulkindern T-Shirts mit Kartoffeldruck bemalt. Zum Ende des Schuljahres waren wir mit den Kindern einige Male in der deutschen Schule, wo Oberstufenschüler unseren Kindern Schwimmunterricht gaben. Für die Kinder war es das Größte überhaupt, in dem Schwimmbecken herumzutollen.
Im Februar wechselten wir von der Arbeit mit den kleinen Kindern im Preescolar EI Retiro nach Las Torres, um dort mit den Kindern der Hausaufgabenbetreuung zu arbeiten.
Im Zentrum herrscht ein tolles ruhiges Klima, so dass wir uns sofort wohlfühlten.
Nach den Osterferien ging es dann richtig los.
Ich fühlte mich bestens eingelebt in Venezuelas Hauptstadt, hatte endlich das Gefühl, die Sprache einigermaßen gut zu sprechen, kannte mich gut aus und hatte gute Freunde gefunden. Und wir wollten nun auch ein größeres Projekt mit den Kindern verwirklichen. Wir entschlossen uns letztendlich dazu, zwei Projekte zu machen, ein Theaterprojekt mit der Vormittagsgruppe und ein Mosaikprojekt mit der Nachmittagsgruppe.
Was bedeutet es, Kind zu sein, Kind zu sein in einer solchen Gesellschaft, in einer solchen Stadt? Oft sind viele Kinder in einer Familie, haben Eltern, die wenig Zeit für sie haben und wenig Wert auf Bildung legen. Kinder sind überall, aber stehen nicht im Mittelpunkt. Sie stehen an zweiter Stelle, die Eltern haben ihre eigenen Probleme. Kinder zu haben ist oftmals ungeplant und andererseits eine Selbstverständlichkeit; sie sind einfach ein Teil der Gesellschaft, der nicht wegzudenken ist.
Wir überlegten uns, die Kinder selbst inhaltlich in den Mittelpunkt zu stellen und mit ihnen ein wichtiges Problem zu thematisieren, die Kinderrechte.
Was habt ihr eigentlich für Rechte?
"Was zu Essen ... "
"Auf die Eltern hören..."
"Zähneputzen ...“
"Hausaufgaben machen ...“
Am Anfang war es wichtig, derechos und deberes, Rechte und Pflichten auseinander zu halten. In der großen Gruppe, mit allen Kindern, war es schwieriger zu arbeiten. Sie hören sich nicht gegenseitig zu, unterbrechen andere und lenken sich ab. Also haben wir kleine Gruppen gebildet.
Wir ließen alle Kinder die Rechte, die sie zu haben meinten, auf Zettel schreiben, diese dann vorlesen und besprachen alles in der Gruppe. Später, als wir nun alle Rechte (wie die Rechte auf Bildung, auf Liebe, auf freie Meinungsäußerung ...) zusammengesammelt und besprochen hatten, haben sie diese noch einmal bildlich umgesetzt. Hierbei fiel es auf, dass die meisten Kinder sich das Recht auf Liebe und das Recht aufs Spielen herausgesucht haben, vielleicht ist dies aus ihrer Sicht am lebensnahesten.
Während der Arbeit kam öfter Unlust auf. Man musste die Kinder motivieren, weiterzumachen. Diese Unlust verschwand aber sofort, sobald es ums Theaterspielen ging. In Gruppen aufgeteilt entwickelten wir mit den Kindern kleine Theaterszenen, die die einzelnen Rechte thematisierten. Es gab kein Szenenbuch, Niklas und ich gaben grobe Voranstöße und entwickelten dann zusammen mit den Kindern die Rollen und einen groben inhaltlichen Ablauf und dann ging es ans Spielen. Die Szenen entwickelten die Kinder dann einfach durch Spaß, Kreativität und Improvisation. Es war spannend den Kindern zuzusehen, wie sie ihre Rollen umsetzten und schauspielerten. Manchmal musste man sie allerdings stoppen, da sie so in ihr Schauspiel versanken, dass sie vom Thema abwichen. Sehr erschreckend und auffällig fand ich, dass mehrere Kinder Elternrollen oder Erwachsenenrollen aggressiv und gewalttätig darstellten. Sie gucken sich dies ab - von zu Hause, aus dem Fernsehen und von der Straße.
Mit der Nachmittagsgruppe sprachen wir ebenfalls über die Rechte der Kinder.
Wir setzten das Ganze dann bildlich in Form eines großen Mosaiks um. Am meisten Spaß hat den Kindern das Zerhauen der Fliesen gemacht, beim Setzen der Stücke kam dann doch leichter mal Ermüdung auf, bis auf einzelne Kinder, die immer sehr lieb mithalfen. Das Ergebnis ist ein schönes Fliesenmosaik. Stolz zeigten einzelne Kinder, welche Stellen sie geklebt hatten.
Ich finde es außerordentlich wichtig, dass die Kinder ein eigenes Bewusstsein über ihr Dasein gewinnen, dass sie ihre Einzigartigkeit begreifen. Wenn die Rechte eines Kindes durch den Staat und die Eltern nur selten oder minimal geschützt oder sogar missachtet werden, ist gerade so ein Zentrum wie Las Torres wichtig, das den Kindern eine Alternative zum häuslichen Alltag bietet. Es ist überaus wichtig, dass Kinder sich ihrer Rechte bewusst sind, damit sie sich schützen können; dass sie lernen, dass Gewaltakte, auch wenn sie alltäglich sind, nicht richtig oder rechtens sind.
Der Abschluss mit den Kindern war etwas chaotisch, aber doch sehr schön. Ich wurde natürlich genau in der Abschlusswoche krank. Es gab eine fiesta (Feier) der beiden Hausaufgabenzentren zusammen in Las Torres und am darauffolgenden Tag einen Abschluss samt Eltern. Hier führten einige Kinder einen Tanz auf, eine Mutter und ein Freund hatten ein kleines Musical zum Thema „Was brauchen Kinder“ eingeübt und dann folgten unsere Szenen zu den Kinderrechten. Und zu guter Letzt die Präsentation des Mosaiks.
Und dann gingen die Kinder, die Kinder, mit denen wir ein halbes Jahr verbracht hatten. Die wir täglich gesehen haben, deren Geschichten wir kennen lernen durften, an denen man manchmal verzweifelt ist, die einen morgens freudig umarmt haben. Tolle, liebenswerte Kinder, die ich nie vergessen werde und die mir so viel gegeben haben.
Ich vermisse so viel, die Leichtigkeit, die Gelassenheit, die Musik, das Leben.
In Deutschland hat alles seine Ordnung und ist geregelt.
Und vieles scheint fragwürdig.
Eine Reihe von Menschen steht an einer roten Ampel. Es ist weit und breit kein Auto zu sehen und doch bleiben alle brav stehen und warten auf das grüne Männchen.
Eine gemietete Ferienwohnung für vier Personen - spontan will ein Fünfter mit. – „Geht nicht, ist nur für vier ..." - Und das Sofa, der Fußboden, auf den man eine Matratze legen kann? Allzu oft Sätze wie: „Das geht nicht." - „Das können wir nicht machen." oder „Das ist gegen die Vorschriften." - „Wenn das der Chef sieht." ...
Wir leben nach Regeln und Vorschriften, ob sie nun sinnvoll sind oder nicht. Sie werden akzeptiert, nicht hinterfragt oder durchdacht, weil das nun mal so ist. Irgendwie fehlt es manchmal an Menschlichkeit.
Und doch lernt man auch vieles schätzen.
Ein Kranker kann zum Arzt gehen und wird mit den nötigen Materialien gut behandelt. Jeder hat die Möglichkeit, ein Dach über dem Kopf zu haben, sich ausreichend satt zu essen.
Ich kann zu jeder Uhrzeit, und sei es nachts um drei, aus dem Haus gehen, und es ist höchst unwahrscheinlich, dass ich mit einer Pistole bedroht und überfallen werde, und noch viel unwahrscheinlicher ist es, in eine Schießerei zu geraten.
Wir leben einen überaus hohen Standard.
Und das Schlimmste ist, dass dieser hohe Lebensstandard selbstverständlich für uns ist und wir meinen, all diese zum Teil überflüssigen Luxusgüter auch wirklich zu brauchen.
Seit ich wieder da bin, sehe ich überall diesen Luxus und sehen ihn eher mit Abneigung als mit Freude.
Ich lebe in einer „Perversität" in Form eines Paradieses.
Ich bin immer viel gereist, habe Länder, Sprachen und Kulturen kennen lernen können -Schüleraustausch in den USA, Freiwilligendienst in Venezuela, sämtliche Urlaubsreisen quer durch Europa, Afrika.
Ich hab die Wahl, kann machen was ich will, studieren, was und wo ich will, bin finanziell abgesichert, kann mich engagieren, kann meine Meinung frei äußern und frei meine eigenen Entscheidungen treffen, habe Essen, Kleidung und Zugang zu jeglichen Freizeitmöglichkeiten, Bespaßungsmitteln, Freunde und Familie.
Habe alles und noch viel mehr.
Gibt es noch eine Steigerung? Ich wüsste nicht, worin die liegen sollte.
Ich durfte nun ein Jahr anders leben, mit den Menschen, mit denen man normalerweise als kleines, blondes Mädchen aus dem goldenen Westen nur selten in Berührung kommt. Man teilt Dinge mit diesen Menschen, man lebt im gleichen Viertel wie sie. Man kann, wie die anderen auch, nicht mehr nach 10 Uhr frei auf die Straße gehen, man ist Lärm und Hitze gleichermaßen ausgesetzt. Wenn es kein Wasser gab, dann gab es auch für uns kein Wasser. Ich habe das genossen, ich habe es genossen, mich ein bisschen wie sie fühlen zu können. Und doch ist es nicht das Gleiche. Ich hatte immer eine Sicherheit im Rücken, hätte bei jeder politisch brenzligen Situation jederzeit sofort nach Hause gekonnt, konnte in das teuerste Krankenhaus der Stadt gehen und mich dort gut behandeln lassen, hatte immer genug Geld, mir Essen und Kleidung zu kaufen, zu reisen und mich zu amüsieren.
Und warum? Aus dem einfachen Grund, weil ich das Glück habe, in eine gute deutsche Mittelstands-Familie hineingeboren zu sein, und das aus reiner Zufälligkeit. Ich habe mir das weder verdient noch irgendetwas dafür getan.
Und wie war's, erzähl doch mal!
Wie soll ich einem Menschen mal eben deutlich machen, dass dies das erlebnisreichste, beeindruckendste und mich am stärksten prägende Jahr meines Lebens war.
Ich war so weit weg,
habe so viel erlebt,
und so schnell ist man einfach wieder da. |
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