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2. Bericht von Hanna

Caracas im Mai 2009  
 

Es ist heiß im Moment, ich sitze im vollgestopften Bus Richtung Barrio. Die Leute schwitzen und im Radio läuft Reaggeton. Außerhalb des Busses auf dem Bürgersteig steht ein Straßenverkäufer neben dem anderen. Der eine verkauft Äpfel und Birnen aus einem alten Einkaufswagen, ein anderer hat Damenoberteile auf einer Decke auf dem Boden verteilt und der nächste verkauft selbstgebrannte DVDs.

An den Ständen schieben sich die Leute vorbei: junge Mädel, leicht bekleidet und extrem zurechtgemacht, Kinder in ihren Schuluniformen, mit Einkaufstüten bepackte Frauen.
Im Bus verteilt ein etwas abgemagerter, dünner Mann Kärtchen mit SMS-Liebessprüchen und Bildchen, die er verkauft.
Es wird relativ wenig gebettelt, wer keine Arbeit hat, verkauft Kleinigkeiten in den Bussen oder Obst, Gemüse, Kleidung, gebrannte DVDs bzw. Selbstgemachtes auf der Straße.


Und während die Leute gerade von ihrem Vormittagsjob zur zweiten Arbeitsstelle hetzen und die sozialistische Jugend sich mit ihrem Aussehen beschäftigt ins nächste Einkaufszentrum geht, redet Chavez auf Radiosendern und im Fernsehen, Gleichschaltung der Programme. Er ruft zum Kampf gegen den Kapitalismus auf. Und es wird das x-te Einkaufszentrum gebaut.

Das ist Caracas, ein Teil, ein Einblick in Venezuela.

Und in diesem Venezuela arbeiten die Zentren der Asociación Civil de Educación Integral San Benito.
Anfang März haben Niklas und ich jetzt endlich angefangen, im Hauaufgabenbetreuungszen-trum Las Torres zu arbeiten, nachdem wir uns mit einer kleinen Abschiedsfeier von den Kindern im Preescolar El Retiro verabschiedet hatten.

Die Arbeit in Las Torres ist eine ganz andere Erfahrung und ich liebe einfach das Klima, das dort herrscht.
Wir wurden sofort vom Großteil der Kinder freudig und aufgeschlossen empfangen. Die meisten Kinder sind schon daran gewöhnt, dass es die beiden deutschen Freiwilligen gibt und erzählen auch mit Freude von den ehemaligen Freiwilligen.
Auch das Team der Erzieher und die Leiterin haben uns aufgeschlossen aufgenommen. Man kann gut mit ihnen zusammenarbeiten. Sie haben eine sehr gute Beziehung zu den Kindern und gehen auf eine gute und ruhige Art und Weise mit ihnen um. Auch sind die Räumlichkeiten des Zentrums recht groß und vielfältig und bieten den Kindern somit viel Raum zum Arbeiten, Basteln, Spielen und Sport.
Was mir sehr gut gefällt ist, dass die Kinder neben den Hausaufgaben sehr viele Bastel- und Handarbeiten machen. Hierbei legt Dilia besonders großen Wert auf Recycling. Zum Beispiel lernen die Kinder, aus alten Flaschen, Klopapierrollen oder Schachteln wirklich brauchbare und tolle Dinge zu basteln. Gerade in einer Gesellschaft, die unter einem erheblich Müllproblem leidet, finde ich das sehr wichtig. Und sicherlich tragen wenigstens einige der Kinder die Idee der Wiederverwertung mit nach Hause.

Mit den etwas älteren Kindern zu arbeiten macht mir besonders Spaß. Zum Beispiel ist es sehr interessant, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen. Dabei ist es erschreckend zu sehen, wie viele der Kinder in den schulischen Leistungen hinterherhinken. Es gibt Kinder, die in die zweite oder dritte Klasse gehen und erhebliche Schwierigkeiten mit dem Schreiben, Lesen und Rechnen haben.

Ein Beispiel: Marixa¹, geht in die zweite Klasse und ist zwar durchaus in der Lage, die Zahlen von 1 bis 30 in Reihenfolge aufzuschreiben, kann aber nicht, wenn man ihr eine einzelne Zahl  über 10 aufschreibt, sagen, wie sie heißt. Die Aufgaben, die sie zu bewältigen hat, setzten dieses Wissen aber natürlich längst voraus. Dass einige der Kinder in keinster Weise in der Lage sind, ihre Hausaufgaben wirklich selbständig zu machen, habe ich schon oft beobachtet.
Na ja, und wenn Marixa dann nach einer Stunde zur Zahl 24 nicht mehr zwölf sondern wirklich 24 sagt, dann macht man auch schon mal spontan Luftsprünge.

Anderseits gibt es natürlich auch Kinder, die sehr intelligent sind und bei denen es besonders wichtig ist, sie zu fördern. Und was ich besonders toll finde, ist zu sehen, dass die etwas älteren Kinder durchaus den kleineren helfen und ihnen Dinge erklären.

Ein weiteres Problem ist, dass viele der Kinder sehr aktiv sind und große Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren. Sie lernen zu Hause nicht, ruhig und unabgelenkt zu arbeiten oder sich zu beschäftigen. Außerdem sind sie auch sehr ungeduldig, wenn man nicht sofort springt, wenn sie etwas von einem wollen oder einen rufen.
Und abgesehen davon brauchen viele Kinder viel Zuneigung und Aufmerksamkeit. Ich werde am Tag ganz oft umarmt und umarme mindestens genau so oft.

Im Moment arbeiten wir auch gelegentlich mit den Kindern im Hausaufgabenbetreuungszentrum Los Cujicitos. Auch dort gefällt mir das Klima, aber die Räumlichkeiten sind natürlich in keinster Weise mit denen in Las Torres zu vergleichen. Und zwischen den Kindern merkt man auch Unterschiede.

Wirklich bewundernswert ist, dass viele der in der Asociación arbeitenden Erzieherinnen neben dieser Arbeit und ihrer Familie abends oder an den Wochenenden nebenbei studieren. Und die Angestellten, die nur halbtags in der Asociación arbeiten, haben vormittags, nachmittags oder auch abends noch eine andere Arbeit.
Manchmal frage ich mich, wie sie das alles hinbekommen und bewundere sie sehr dafür.

Am Ende der großen Straße angekommen macht der Bus einen Schlenker und fährt ins Barrio rein.

Barrio ist nicht gleich Barrio. Die ersten Monate habe ich nicht wirklich so eine direkte, krasse Armut vor den Augen gehabt. Doch mit der Zeit fällt die Fassade. Man sieht nicht mehr nur die Hauptstraßen des Barrios, die gut zivilisiert sind und in denen ein Großteil der Häuser in relativ gutem, oder wenigsten besserem Zustand ist.
Mit der Zeit ergeben sich dann Gelegenheiten, auch mal weiter „rein“- gehen zu können.
Zum Beispiel bin ich irgendwann mit Gisela nach Kindern suchen gegangen, weil in El Retiro noch Plätze frei waren. Dafür sind wir dann rechts und links die Treppen rauf- und runtergegangen - und hinter der Fassade der Häuser der Hauptstraße ändert sich das Bild. Die Gassen werden enger und dunkler, Gestank und Hitze bleiben dort eher stehen und Licht kommt nur gedämpft rein. Die Häuser werden spartanischer und baufälliger.
Ein anderes Beispiel im Barrio Las Torres auf dem Weg zu den Kindern, die weiter oben wohnen: Ganz oben gibt es keine Häuser mehr, sondern Hütten. In einer davon leben zwei Familien zusammen. Ich habe nicht mehr das Gefühl, in einer Großstadt zu sein. Wenn man sich nicht umdreht und die riesige Stadt im Rücken lässt, meint man, auf dem Land zu sein. Die Hütten sind aus Wellblech, es gibt einen kleinen Innenhof, in dem Hühner rumlaufen und Müll in allen Ecken herumliegt. Für die Menschen, die dort wohnen, sind Alkohol, Drogen und Arbeitslosigkeit alltäglich Dinge. Die Familie zum Beispiel: zwei Frauen mit jeweils zwei und drei Kindern. Die Väter dazu scheint es nicht zu geben. Die Kinder gehen natürlich nicht zur Schule und womit die Mütter ihren Lebensunterhalt bezahlen, ist auch fraglich.

Bei einigen Erwachsenen beobachtet man eine gewisse Unreife und Unfähigkeit; nicht nur bei den beiden Frauen hat man das Gefühl, mit Kindern zu reden.

Wir sind bei einer anderen Familie zu Besuch. Eine extrem dünne, etwa Mitte 40 Jahre alte Frau und drei ihrer Enkel. Auch die Kleinen sehen nicht gut aus, die Kleinste hat schwarze Zähne. Die Hütte ist dreckig, es fehlt an einigem  - aber was natürlich nicht fehlen darf, der Fernseher. Dann kommen zwei Töchter, ebenfalls extrem dünn, es sind die Mütter der Kleinen. Es geht darum, für die Kleinste einen Arzt zu finden und für den fünfjährigen einen Platz in Las Torres zu besorgen. Der Junge kommt regelmäßig zur Mittagszeit zum Zentrum Las Torres und fragt nach Essen. Er ist in keiner escuela (Kindergarten, Schule), langweilt sich, hat Hunger. Es besteht die Überlegungen, ihm nicht nur einen Platz zu besorgen, sondern, dass er auch mit den Mitarbeitern mittags essen kann. Leider scheitert dies bis jetzt daran, dass die Mutter unfähig ist, den Jungen zum Arzt zu bringen, um ein Gesundheitszertifikat zu bekommen, damit er im Zentrum anfangen kann. Es kann einfach nicht sein, dass einem Kind auf Grund der Unfähigkeit der Eltern der Weg auf Bildung versperrt wird. Sie sind selbst noch Kinder und wie sollen sie dann Kinder er- und großziehen?
Es fehlt ihnen an Bildung.

Dabei gibt es viele Bildungsangebote für diejenigen, die sie wollen (so wie oben erwähnt einige der Maestras davon profitieren), z. B. Abendschulen, um den Schulabschluss nachzumachen oder zu studieren. Und es gibt auch ein kulturelles Angebot, Museen, Konzerte, Kurse - kostenlos.
Doch letztendlich muss die Motivation, der Wille der einzelnen Person zu lernen und Dinge aufzunehmen, von der Person selbst kommen und daran scheitert vieles.
Und die Kinder? Wie sollen sie diesen Willen entwickeln, wenn sie ihn nicht vorgelebt bekommen?
In den Teufelskreis hineingeboren … und wie sollen sie da rausfinden?

Hier kann man nur immer wieder die Wichtigkeit der Zentren betonen. Und dass sie auch die Eltern mit in den Prozess der Erziehung einbeziehen.

Vieles ist so zweigeteilt:
die Gesellschaft,
Handeln und Worte passen nicht zusammen,
die Barrios,
die Menschen, die arbeiten, sich bilden und die anderen, die vor sich hinleben - mit Alkohol, arbeitslos und Fernsehen guckend ...

Es gibt immer zwei Seiten
und wir wollen doch die guten, positiven Seiten sehen, damit sie uns die Motivation geben, die nicht funktionierenden Dinge zu verändern, zu verbessern.

Der Bus fährt durch die enge Straße und ab und zu muss sich der Busfahrer aus seinem Bus lehnen um zu gucken, ob er auch wirklich am überquellenden Müllcontainer oder einem die Straße runterkommenden Bus vorbeikommt. Auf dem Weg kommt man an einigen Sportplätzen vorbei, auf denen meist Basketball oder Baseball gespielt wird. Ab und an passiert man kleine Läden, die Grundnahrungsmittel verkaufen.

Dies alles ist Alltag für mich geworden, doch so langsam wird mir klar, dass dies nicht mehr für sehr lange ist … die Zeit rennt gegen einen.


¹Der Name wurde gändert
 
     
 
   
     
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