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Mein erster Eindruck von Caracas
Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt: Anfangs hier und da Ansammlungen von den einfach gebauten Häusern aus rotem Stein, Ansammlungen von Barrios und je mehr wir uns der Stadt näherten desto dichter und häufiger die Ansammlungen. Dann trifft es einen wie ein Schlag. Egal ob man nach rechts, links, vorne oder hinten schaut, überall Barrios. Sie fressen sich die Hügel hoch, das Ausmaß scheint einfach kein Ende zu nehmen. Mein erster Gedanke war: „Wie soll man denn da helfen? Bei dieser erschlagenden Masse, unmöglich, ja fast hoffnungslos."
Caracas ist eine Stadt der Gegensätze.
Neben den Barrios die Reichenviertel: Die Villen der Oberschicht und den dazugehörigen modernen Büro- und Bankgebäuden. Eine Welt neben der anderen. Die Häuser dort sind von Sicherheitszäunen oder -mauern umsäumt, auf den Straßen sind kaum Leute zu sehen, statt alter Karren fahren neuste Autos im besten Zustand durch die Straßen, die Mehrheit ist hellhäutig - außer natürlich die Hausangestellten. Alle betonen ständig, dass sich alles verschlechtert habe. Es herrscht eine paranoide Angst vor den Menschen in den Barrios, die der größte Teil höchsten aus dem Fernsehen kennt und vor den man sich mit allem Aufwand versucht abzuschirmen.
Im Barrio dagegen ist das Leben auf der Straße. Aus alle Ecken dröhnt Musik, hier und da werkeln die Leute an Autos und Motorräder rum. Kinder, Jugendliche, Mütter, alte Menschen und an allen Ecken Hunde. Man kennt sich, man passt aufeinander auf. Hier ist das Leben nicht hinter verschlossenen Türen, sonder findet draußen statt. Die Barrios sind ein bisschen wie Dörfer.
Hier gibt es nur schwarz oder weiß:
Barrio oder Reichenviertel -
und gerade in der Politik: Chavista oder Opposition - unabhängige Medien scheint es kaum zu geben. Privat Sender sind extrem kontra Regierung, aber auch Regierungssender verblenden die Realität. Es ist sehr schwer, dort einen Durchblick zu bekommen.
Generell ist es so: Wenn man zwei Caraceños unabhängig voneinander die gleich Frage stellt, bekommt man zwei total verschiedenen Antworten.
Ständig und überall wird man davor gewarnt, wie gefährlich das Leben in Caracas doch sein. Und den Satz „Pass auf dich auf!“ habe ich auch noch nie so oft in meinem Leben gehört. Aber auch hier gilt wieder: Wer in Petare wohnt sagt, dass es in Catia ja viel gefährlicher sei -und die Leute aus Catia lassen keinen Zweifel daran, wie gefährlich Petare sei.
Natürlich ist es gefährlich und natürlich gibt es viel Kriminalität. Aber es kommt auch auf die Perspektive und die Umstände an. Im eigenen Barrio ist man viel sicherer als in fremden. Die Leute beschützen sich gegenseitig.
Das Leben und die Leute in Venezuela sind so lebendig. Aus allen Ecken hört man Musik und zu jeder Möglichkeit wird getanzt. Die warme und aufgeschlossene Art der Leute lässt einen selbst auch aufblühen. Die Musik, das Tanzen, diese Offen- und Gelassenheit, welche die Leute ausstrahlen, das liebe ich und es tut einfach gut.
Vieles der venezolanischen Kultur lässt mich aber auch frustrieren:
Caracas, eine Stadt, in der der Großteil der Bevölkerung in Barrios lebt und trotzdem: Shopping-Malls bis zum Geht-nicht-mehr, Schönheitsoperationen sind an der Tagesordnung, jeder hat ein Handy - aber natürlich eins mit Kamera und allem Drum und Dran und in jedem Haus, das auch noch so klein ist, findet man stets einen Fernseher, der am besten noch den ganzen Tag durchläuft. Viele haben auch Computer. Die Lieblingsbeschäftigung scheint der Gang in eines der unzähligen Shopping-Malls zu sein, aber nicht, um einzukaufen, sondern um zu essen und zu gucken, denn der Großteil kann es sich nicht leisten, dort auch einzukaufen. Ein weiteres Hobby sind die extrem schlechten Telenovelas.
Die Prioritäten scheinen (aus unserer Sicht) falsch gelegt zu sein. Mir ist es einfach so unverständlich, wie so viel Wert auf Äußerliches und Materielles gelegt wird.
Natürlich herrscht auch Armut. Die Familien wohnen oft auf engem Raum, die Häuser sind einfach gebaut, es gibt häufig kein Wasser. Löhne sind niedrig, Lebensmittel verhältnismäßig teuer. Gewalt ist nicht unüblich und jeder weiß, wie sich ein Schuss anhört und ein Großteil besitzt Waffen. Kriminalität, Drogen und Alkohol sind Alltagsprobleme. (Am Wochenende hat uns eine Freundin besucht und meinte: „Hier sind ja alle betrunken.") Zerrüttete Familien, hohe Schwangerschaftsraten bei jugendlichen Mädchen, viele Kinder haben nur ein Elternteil oder Eltern, die nicht zusammen leben und dazu noch sehr jung sind. In mancher Hinsicht ist die Armut nicht auf dem ersten Blick offensichtlich. Es fehlt manchmal eben nicht an Kleidung oder den materiellen Dingen. Sondern an Bildung.
In dieser Hinsicht halte ich den Kindergarten und die Hausaufgabenbetreuungszentren für sehr wichtig, da gerade Bildung der beste Weg ist, etwas zu verändern und weil Kinder am wenigsten für die Bedingungen, unter welchen sie leben, Schuld zu tragen haben.
Nun zu dem Projekt
Am Anfang war es etwas schwierig, seinen Platz zu finden. Ich wusste nicht so wirklich, was ich machen sollte und den Maestras schien es genauso zu gehen; sie wussten nicht wirklich, wozu ich eigentlich da war. (Das hat sich dann aber relativ schnell gebessert. Ich hab anfangen zu fragen, wie ich mich behilflich machen kann, auch habe ich die Kinder und den Tagesablauf besser kennen gelernt, was auch dazu beigetragen hat.) Viele der Maestras sind noch relativ neu. Nach uns haben noch mindestens drei neue Erzieherinnen angefangen und zwischenzeitlich gab es auch immer wieder einige, die ausgeholfen haben. Ein Kommen und Gehen. Dazu kam dann noch, dass die Kinder der Maternalgruppe auch in El Retiro waren, da das neue Haus ja noch nicht fertig war. Also erste und zweite Gruppe zusammen, Maternal nach unten ins Erdgeschoss, dritte Gruppe in den kleineren Salon, erste und zweite in den von der dritten, Rosa in die Maternalgruppe, Nailin und Marsia mit wechselnden Hilfsmaestras und mir usw ...
so chaotisch, wie sich das jetzt anhört, war es ungefähr auch.
Jetzt, nach dem Umzug der Maternalkinder in das neue Haus, ist es wieder ruhiger. Und das Personal untereinander kommt gut miteinander aus. Trotzdem fehlen immer noch Maestras und es scheint relativ schwer zu sein, gute Leute zu finden. Dabei halte ich gute Erzieherinnen für sehr wichtig.
Die Kinder
Tja, was soll man sagen? Es gibt nichts Schöneres als wenn man morgens in den Kindergarten kommt und die Kinder freudig „Hanna“ rufen und lachen. Am tollsten ist es, wenn wir Musik anmachen und einfach mit den Kinder herumtanzen oder wenn wir mit ihnen kuscheln.
Sie sind so süß
und so besonders -
jeder Einzelne für sich!
Jeden Tag habe ich das Gefühl, eines der Kinder besser kennen zu lernen: Wenn man zum Beispiel etwas Persönliches nur mit einem Kind macht, mit einem spielt oder sich mit ihnen zusammen hinlegt, damit sie bei der Siesta einschlafen.
Weihnachten haben wir mit den Kindern Kekse gebacken, die wir dann auf den Basaren verkauft haben. In dieser Woche sind Briefe mit Bildern von Kindern einer deutschen Schule angekommen. Die Kinder hatten auch Fotos von sich im Schnee mitgeschickt, was ich eine tolle Idee finde. Die Fotos haben die Kinder in El Retiro mit großem Interesse angeguckt und bestaunt .Dann haben wir auch Bilder für die deutschen Kinder gemalt. Ich habe versucht zu erklären, wo Deutschland ist und wie es dort ist. Für die Kleinen ist es aber unvorstellbar, dass es Orte gib, die so anders sind. Auf dem Globus haben mir einige dann gezeigt, wo sie wohnen. Von Australien bis nach Afrika war alles mit dabei. Sie haben sich aber auch nicht vom Gegenteil überzeugen lassen. Und ich habe wirklich mein Bestes getan zu erklären, dass sie ganz sicher nicht in Australien leben.
Eines der Mädchen hat neulich bemerkt, dass ich komisch rede und nach einigem Überlegen war sie sich dann sicher, dass es Französisch sein muss, was ich da rede und nicht Spanisch. Ich könnte so viele solcher Anekdoten erzählen.
Nun aber eine andere Sache
Es ist wirklich extrem, wie einige der Kinder tanzen, sehr sehr sexualisiert. So wie Frauen in Hip-hop- oder Rapvideos. Die Gesellschaft generell ist geschlechter- und sexualbeton:. Die Musik, wie sich Frauen und Mädchen anziehen, wie getanzt wird. Die Kinder wachsen damit auf und gucken sich das ab. Auch das extreme Macho-Verhalten der Männer. Das bildet zu dem reservierten, zurückhaltenden Deutschland einen extremen Kontrast.
Wenn ich, blond und hellhäutig, durch die Straßen laufe, falle ich einfach automatisch auf. Und wenn man dazu noch alleine ist, kommen eigentlich auch immer irgendwelche Sprüche. Die Menschen hier sind halt alles andere als reserviert oder zurückhaltend. Zum Beispiel wäre es natürlich in Deutschland unvorstellbar, dass sich ein Busfahrer im Vorbeifahren mit vollem Bus aus dem Fenster lehnt und mir irgendetwas hinterher ruft. Hier ist das halt nichts Ungewöhnliches. Man gewöhnt sich daran, aber manchmal nervt es einfach auch.
Einige Kinder haben ganz klare Verhaltensstörungen.
Elena¹ und Joel beißen und schlagen ziemlich schnell. Wenn sie etwas haben wollen, was ein anderes Kind hat, meinen sie grundsätzlich, dass sie einen natürlichen Anspruch auf die Sachen hätten.
Leonardo schmeißt sich, wenn er nicht sofort bekommt, was er will, auf den Boden und fängt hysterisch an zu heulen.
Und Eduardo redet wie eine Comicfigur (wie er scheinen viele der Kinder zu Hause extrem viel Fernsehen zu gucken) und ich habe durchaus schon eine ganze Stunde mit ihm dagesessen und ihn versucht davon zu überzeugen, doch bitte wenigstens einen ganz kleinen Teil seiner Schreib/-Malaufgaben zu machen.
Ach ja, Worte wie Danke oder Bitte scheinen die meisten Kinder erst gar nicht zu kennen.
Den Kindern scheinen zu Hause keine Grenzen gesetzt zu werden und dann bleibt die ganze Aufgabe der Erziehung mehr oder weniger an den Erzieherinnen hängen. Für mich und Niklas ist es sehr schwer, mit den teilweise autoritären Erziehungsmethoden der Maestras umzugehen oder diese auch nur nachzuvollziehen. Das Problem ist, dass die Kinder auch nur auf diese Autorität wirklich reagieren.
Das Leben hier und die Erfahrungen führen einem einmal wieder deutlich vor Augen, welche unglaubliche Ungerechtigkeit herrscht. Was habe ich dafür getan, ein so extrem privilegiertes Leben zu leben? Sicher, behütet, abgesichert und nicht zuletzt Möglichkeiten wie dieses Jahr hier in Venezuela. Und was hat der Junge getan, der mit ansehen musstet, wie seine Eltern erschossen wurden? Das Mädchen, das mit seiner krebskranken Oma in einem vollen und dreckigen Haus zusammenlebt, weil ihre Mutter nicht fähig ist, sich um ihre Tochter zu kümmern. Die junge Erzieherin, die arbeitet, studiert und mit ihrer Familie (Eltern, sechs Geschwister und Oma) auf engstem Raum zusammenwohnt und sich im Moment um ihren gerade mal 15-jährigen drogenabhängigen Bruder Sorgen macht? Oder das vierte Kind der gerade mal 21-jährigen, arbeitslosen Mutter?
Kinder haben die Umstände, in denen sie leben, nicht zu verantworten. Aber diese schwierigen Lebensumstände sind es, die es Eltern erschweren, ihren Kindern bessere Verhältnisse bieten zu können.
Deutschland und das Leben dort wirken weit, weit weg .
Trotzdem gibt es auch noch vieles, was ich in Deutschland natürlich selbstverständlich hatte, Dinge wie die Sprache, fester Freundeskreis und meine Familie.
Aber ich hab ja noch ein bisschen Zeit hier und ich wünschte, ich hätte mehr. El tiempo pasa rapido. (Die Zeit verrinnt schnell.)
Ich möchte an dieser Stelle dem Freundeskreis Las Torres noch einmal zutiefst dafür danken, mir diese unglaubliche Erfahrung zu ermöglichen. Ich kann nicht beschreiben, wie dankbar ich bin, hier zu sein und habe meine Zeit hier im wahrsten Sinne das Wortes noch keine einzige Sekunde bereut. Danke, dass ihr jungen Menschen diese Möglichkeit gebt und mit soviel Elan dafür arbeitet (im Besonderen du, Christel).
Nach den vier Monaten ist der Anblick der Barrios zum Alltag geworden.
Doch wenn man abends, wenn es dunkel ist, aus dem Fenster über die Stadt blickt und die Lichter der Barrios die ganze Stadt übersäen, kommt in mir dieses Gefühl wieder hoch, dass es einfach keine Ende zu nehmen scheint.
¹ Die Namen der Kinder wurden geändert.
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