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Abschlussbericht von Darren

Oktober 2010  
 

Wieder in Deutschland

Jetzt ist das Jahr in Venezuela endgültig vorbei und ich sehne mich nach dem Lärm, dem Chaos, der warmen, dreckigen Barrio-Luft, den fettigen Empanadas zum Frühstück mit einem frischen Fruchtsaft und natürlich den Menschen, insbesondere den Kindern, die mir das Jahr über sehr ans Herz gewachsen sind. Stattdessen sitze ich jetzt hier in meiner Heimat und fühle mich hier fremder denn je. Es ist einfach alles so „deutsch“.

Heute beispielsweise musste ich hunderte von Bescheinigungen besorgen, damit ich mich nächste Woche in der Uni einschreiben kann. In Venezuela würde ein Behördengang zwar auch nicht schneller gehen. Da würde es aber daran liegen, dass die nette Angestellte erst einmal zu Mittag isst und dabei mit ihrer besten Freundin telefoniert, bevor sie Zeit für einen hat.

Auch das Busfahren ist hier schwierig. Man muss hier ja immer zu festen Haltestellen laufen und wenn man aussteigen möchte, muss man einen Knopf drücken, anstatt quer durch den Bus „Una parada, por favor!“ zu rufen.

Nachbarn, die sich beschweren, wenn man sich nachts nur leise auf der Terrasse unterhält. Ich denke mir dann nur, wenn diese Menschen nur eine Nacht im Barrio wären und diese Musik, das Geschreie, die bellenden Hunde, sowie die grölenden Camionetas und Motorräder und all die sonstigen Geräusche, die es sonst so gibt, mitbekämen. Mal ganz abgesehen von den Schüssen, die man hin und wieder vernehmen mag.

Abschiedsbasar in Las Torres

Unsere zwei Projekte sind am Ende gut gelaufen.¹ Ruth hatte immer Sorge, dass meine Poi-Choreographie nicht rechtzeitig für die Aufführung fertig sei. In der Tat war es schwierig. Die Kinder waren sehr ungeduldig. So leicht es auch war, sie von dem Projekt zu überzeugen, um so schwieriger war es, sie am Ball zu halten (im wahrsten Sinne des Wortes). Sobald irgendwelche Figuren nicht so funktionierten wie sie sollten, hatten die Kinder plötzlich keine Lust mehr und machten, was sie wollten. Es kam oft vor, dass ich Kinder runterschicken musste. Über einen Jungen zerbrach ich mir ganz besonders den Kopf. Er war nämlich sehr talentiert im Umgang mit den Poi, wenn nicht sogar der Beste, allerdings hatte er keine Lust, Choreographien zu üben. Es ging sogar so weit, dass er seine Poi aus dem Fenster warf. Er stachelte auch die anderen Kinder immer wieder an, mit ihm Blödsinn zu machen. So beschloss ich – so leid es mir auch tat – ihn komplett vom Projekt auszuschließen. Es blieben ja auch nur noch knapp 3 Wochen bis zur Aufführung. Zum Schluss haben wir auch öfters unten im großen Saal trainiert und das hat Timo² so begeistert, dass er sich geärgert hat, nicht dabei zu sein. Er bat mich sogar mehrfach, ob er nicht doch teilnehmen könne. Ich sagte ihm, dass ich weiß, dass er alles kann und auch in der Lage wäre, es zu schaffen. Allerdings fehlte es den anderen noch an Übung und ich wollte nicht riskieren, dass er die anderen wieder aufhielt.

Ich machte ihm also einen Vorschlag. Er sollte sich das angucken und am Rand für sich üben. Am Ende des Tages habe ich ihn dann immer einmal mitmachen lassen. Das klappte so ganz gut und bei der Vorführung sogar perfekt.

Da die Vorführung im Dunkeln mit Knicklichtern an den Poi stattfand, ist kein vernünftiges Video zustande gekommen. Wirklich schade.

Die zweite Poi-Gruppe war auch nicht einfach. Die Kinder konnte nicht ganz so viel, wie die älteren in der ersten Gruppe, aber das, was sie konnten, beherrschten sie gut. Nur fingen sie immer an zu streiten. Ich habe mich mit ihnen mehrfach ernst über die Vorführung unterhalten müssen und es wurde auch ein wenig besser, aber es lief niemals gut in den Proben. Allerdings merkte ich, dass sie es alle im Prinzip konnten. Also habe ich sie am Ende ein paar Mal vor allen Kindern proben lassen, damit sie merkten, wie ernst so eine Aufführung ist. Das klappte ein- bis zweimal, allerdings auch nicht immer. Bei der eigentlichen Aufführung lief es dann super. Da war ich echt zufrieden.

Aber auch in dieser Gruppe stach ein Junge sehr hervor. Als ich mit dem Projekt anfing, bekam er nicht viel hin. Er hat zuhause aber sehr viel geübt und ist richtig gut geworden. Die Proben der ersten Gruppe haben ihn sehr begeistert. Er flehte mich richtig an, bei den Großen mitmachen zu dürfen. Da ein Mädchen nicht teilnehmen konnte, habe ich ihn in beiden Gruppen auftreten lassen und er war darüber sehr glücklich. Als die Ferien anfingen, sah ich ihn auch noch sehr oft mit seinen Poi auf der Straße spielen. Er kam auch immer sofort zu mir, wenn er mich sah und zeigte mir ganz stolz, welche neuen Tricks er gelernt hat.

Unser Storchprojekt kam gut an. Jedes Kind der Morgengruppe hatte seinen eigenen Storch. Zusätzlich haben wir zusammen einen relativ großen Storch gebastelt, der jetzt im Eingang hängt.

In Cujicitos haben wir ebenfalls mit dem Projekt begonnen. Genau wie in Las Torres sind wir die Geschichte von Georg und Georgine (Jorge y Jorgina) mehrfach durchgegangen, haben mit ihnen über die beiden gesprochen und überlegt, wie man so eine Figur denn basteln könnte. Alle Kinder wollten die Figuren eins zu eins nachbauen. Sie zeigten sich nicht sehr kreativ. In Las Torres ändert sich dies, nachdem wir den Kindern einige Denkanstöße gaben. Sie bastelten in großer Vielfalt Störche. In Cujicitos klappte dies leider nicht so. Es kamen nie alle Kinder und es waren auch immer andere da. Wir mussten quasi jedes Mal neu anfangen. Deshalb beschlossen wir, mit einem Gemeinschaftsstorch anzufangen. Der wurde leider nicht so schön, wie wir es uns vorstellten. Im Nachhinein ärgere ich mich auch, nicht eher in dem Zentrum angefangen zu haben.

Ein beeindruckendes Beispiel für den Erfolg der Arbeit in den Zentren sind die Kinder in El Retiro. Als wir nach Weihnachten von der Vorschule nach Las Torres wechselten, konnte keines der Kinder lesen und schreiben. Allerdings ist das eine Grundvoraussetzung, um überhaupt in die Schule zu kommen. Nach dem Wechsel sah ich die Kinder so gut wie nie. Nur wenn Señor Carlos und ich jeden Freitag die Lebensmittel auslieferten, sah ich sie wieder. Sie waren auch sehr froh, mich zu sehen. Eines Tages erzählte mir ein Junge ganz stolz, er könne jetzt lesen und las mir etwas aus seinem Kinderbuch vor. Das hat mich sehr beeindruckt. Vor allem, da in Las Torres einige der älteren Kinder (die zuvor nicht in der Vorschule der ACEISB waren) noch nicht richtig schreiben und lesen können.

Bei der Graduación (Abschlussfeier) der dritten Gruppe der Vorschule las ein Junge sogar einen einseitigen Text fast fehlerfrei vor.

Das war das letzte Mal, dass wir die kleinen Kinder aus El Retiro sahen. Auch der Abschied in Las Torres und Cujicitos war schwer. Wir schenkten jedem der Kinder ein selbstgeknüpftes Armband mit dem jeweiligen Anfangsbuchstaben. Die Kinder aus der Poi-Gruppe bekamen ein eigenes Paar Poi geschenkt und die aus dem Storchenprojekt eines der Storch-Bücher.

Ein Junge wollte, dass ich ihn mit nach Deutschland nehmen sollte, um ihn zu Niklas³ zu bringen. Ich sagte ihm, dass es nicht möglich sei, da Niklas zur Zeit nicht in Deutschland ist. Da meinte er, er könne ja so lange bei mir wohnen bleiben, bis Niklas wieder da ist.

Leben in Caracas

Das freudige Leben in der stressigen und chaotischen Stadt war in den letzten Monaten sehr angenehm. Besonders zur Zeit der WM. Auch wenn Venezuela nicht bei der Weltmeisterschaft dabei war, waren alle Menschen fußballverrückt.

Aber auch so haben die letzten Monate mehr Spaß gemacht. Zum einen kannten wir jetzt viele Leute und hatten immer etwas zu tun. Zum anderen habe ich in der Zeit ein Freundin gefunden und eine sehr schöne Zeit mit ihr verbracht. In dieser Zeit habe ich es auch geschafft, öfters mal die kulturelle Seite der Stadt kennen zu lernen. Ich war in Theateraufführungen, die ich vorher sicherlich nicht verstanden hätte. Konzerte gab es auch reichlich. Es ist halt immer was los. Man muss nur wissen wo.

Aber Caracas hat auch seine dunkle Seite. Die Kriminalität. Die Lage hat sich nach den Protesten der Studenten im Januar zunächst  verbessert, aber in den letzten Wochen und Monaten wurde es doch wieder heftig. Kurz vor Arbeitsbeginn gab es auch eine Schießerei direkt vor unserer Haustür und ich dachte nur: „Gut, dass die Arbeit erst eine Stunde später anfängt!“

Warum das Ganze sich so zugespitzt hat, weiß ich nicht, aber es waren immer bandeninterne Streitereien. Das habe ich immer von den netten, gesprächigen Nachbarn erfahren. Die wissen so etwas immer direkt fünf Minuten später. Woher? Keine Ahnung.

Mittags um drei wurde ich einmal beim Kauf von Torte direkt vor unserer Haustür ausgeraubt. Beute: 20 Bs F (2 €). Mein Portemonnaie, mein Handy sowie den Haustürschlüssel, welche ich in der Hand hielt, hat er nicht mitgenommen. Selbst die Torte war mehr wert.

Was das Jahr mir gebracht hat?

Diese Frage ist eine sehr schwierige Frage. Genau genommen kann ich sie mir selber noch nicht so ganz beantworten. Auf jeden Fall hat sich meine Weltansicht sehr verändert. Ich nehme viele Dinge gelassener. Besonders materielle Dinge.

Mir ist auch erst, nachdem ich wieder zurück gekommen bin, wirklich bewusst geworden, dass es in Deutschland an nichts mangelt. Es gibt immer fließendes und sauberes Wasser, keinen Nahrungsmangel, das Stromnetz ist stabil und wer keine Arbeit hat, wird vom Staat durch Sozialhilfe unterstützt. Selbst das Recht auf einen Wohnsitz hat hier jeder Bürger. Und die Schulpflicht gibt es auch (obwohl das Bildungssystem auch noch Lücken aufweist).

Die meisten Konsumgüter sind wesentlich teurer in Deutschland. Trotzdem kann sie sich fast jeder leisten und der Urlaub nach Mallorca im Sommer ist auch noch drin.

Wenn heute jemand von Armut spricht, muss ich mir nichts mehr darunter vorstellen. Ich weiß jetzt, was das bedeutet. Das Jahr in Venezuela hat mich sehr verändert. Ich bin sehr viel sparsamer und selbstständiger geworden. Wenn ich jetzt Nachrichten gucke, fällt mir vieles bewusster auf. In diesem Jahr habe ich auch gelernt, wie viel Spaß die Arbeit mit Kindern macht. Ich habe hier jetzt auch schon angefangen, mit Kindern zu arbeiten.

Dieses Jahr ist kein verlorenes Jahr. Es hat mich offener und selbstbewusster gemacht. Die Offenheit der Venezolaner ist etwas, was ich hier sehr vermisse. Ich habe Teile der Welt gesehen, wie man sie so als Europäer normalerweise nicht zu gesicht bekommt. Ich habe eine fremde Sprache und eine fremde Kultur in einem fremden Land kennen gelernt. Die meisten Europäer, die in Länder wie Venezuela reisen, kennen nur ihr Fünf-Sterne-Hotel mit der dabei gebuchten Rundreise, die allen Komforts und Sicherheit bietet, die sie gewohnt sind. Ich habe gesehen, wie es wirklich in diesem Land ist. All diese Erfahrungen kann mir keiner nehmen.

Es ist einfach so schwer, ein ganzes Jahr mal eben auf Papier zu bringen. Die Frage: „Wie war‘s denn da unten?“ habe ich so oft gehört. Und jedes Mal sage ich nur: „Es war toll, es hat sich gelohnt.“ Nur mit einigen kann ich mich vernünftig über das Erlebte austauschen. Viele Leute hier können nicht nachvollziehen, weshalb ich so eine „Reise“ gemacht habe. Und wenn ich dann etwas erzähle, kommt nur die Antwort: „Ach, das ist doch hier auch so.“ Aber, das ist es eben nicht! Andere sagen: „ Boar, ein Jahr lang nur Sonnenschein!“ Abgesehen von der Regenzeit, die es da auch gibt, ist es gar nicht so toll, wenn es bei 30 Grad im Schatten einfach nicht regnet. Besonders wenn die Strom- und Wasserversorgung davon abhängt.

Zu so einem Jahr kann man viel erzählen, aber wirklich verstehen, wie es da abgeht, kann man erst, wenn man längere Zeit dort war.

Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte und möchte allen danken, die es ermöglicht haben. Allen Mitarbeitern in den Zentren, die Tag für Tag mit den Kindern arbeiten und uns so herzlich aufgenommen haben. Auch Gisela4, die uns das ganze Jahr lang begleitet hat und immer für uns da war, so wie auch der „Jungen Asociación“. Auch allen Kindern in den Projekten, um derentwillen die ganze Arbeit überhaupt besteht. All die unvergesslichen Momente, die wir mit ihnen erlebt haben!

Vielen Dank an den gesamten Freundeskreis Las Torres. Vielen Dank an die zahlreichen Spender, an all die Leute, die im Büchercafé ihre Bücher kaufen und so das Projekt mitfinanzieren.

Aber ganz besonders danke ich dir, Christel, da du dich seit Jahrzehnten mit ganzer Kraft in das Projekt reinhängst. Ohne dich würde es dieses Projekt nicht geben.

Vielen Dank!

¹ Ruth und Darren berichteten in ihrem 2. Bericht eingehend über die beiden Projekte.

² Name geändert

³ Niklas war ebenfalls ein Jahr im Projekt tätig.

4 Gisela ist die Leiterin des Projektes.


 
     
 
   
     
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