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Leben in Caracas
In den letzten Tagen ist mir bewusst geworden, wie schnell die Zeit vergeht. Sieben Monate bin ich nun hier und es fehlen nur noch vier weitere. Das sind dann nur noch 135 Tage oder 20 Montage... Wo ist die Zeit geblieben? Aber dass die Zeit so schnell vergeht, ist ein Zeichen dafür, dass es mir hier immer noch Spaß macht. Ich habe mich echt super eingelebt.
Als ich vor einigen Tagen meinen ersten Bericht durchlas, fiel mir auf, wie sehr ich in diesem venezolanischen Lebensstil drinstecke. So viele Dinge, die mich anfangs verwundert haben oder sogar schockten, sind jetzt so fest in meinem Alltag verankert, dass sie mir ganz normal erscheinen.
In den ersten Tagen und Wochen habe ich mich immer nach allem und jedem umgesehen und auf alles genaustens geachtet. Jetzt bleibt da nur noch ein gewisser Restrespekt, der mich in den Straßen von Caracas begleitet.
Auch als meine Familie zu Besuch war, habe ich erst gemerkt, wo ich hier eigentlich bin und wie anders doch die weit entfernte Heimat ist. Mein Bruder: „Boar krass, hast du die fünfköpfige Familie da auf dem Motorrad gesehen??“ Ich: „Ach ja, das ist hier immer so.“
Nichts läuft hier wie es soll, aber irgendwie klappt es trotzdem immer. Wenn man das weiß, lebt man hier viel lockerer. Ein anderer Deutscher, den ich hier kennen gelernt habe und der schon seit langer Zeit hier wohnt, sagte mir: „Du solltest dich über nichts ärgern. Nur wundern. Hier findet man immer eine Lösung.“
In dem Land selber hat sich seit meiner Ankunft auch viel getan. Die viel zu starke Trockenzeit hat in dem eh schon so chaotischen Land für viel Chaos gesorgt.
Da der größte Teil der Elektrizität aus dem drittgrößten Stausee/-damm der Welt im Süden des Landes gewonnen wird, ist Venezuela sehr auf den Regen angewiesen. Auf Grund des ausgefallenen Regens hat Chávez Energiesparmaßnahmen ergriffen, die für große Proteste der Studenten in weiten Teilen des Landes gesorgt haben. Von Seiten der Demonstranten verlief alles friedlich, allerdings waren die Protestgegner alles andere als friedlich. Chávistas haben vermummt und mit Schusswaffen bewaffnet den Studenten aufgelauert. Die Polizei hat mit Gummigeschossen und Tränengas agiert. Im Osten gab es sogar Tote auf Grund dieser Proteste, die das Feuer nur noch weiter anfachten.
Die Mord- und Kriminalitätsrate ist seit Neujahr drastisch angestiegen. Aber wirklich bewusst, wie gefährlich es hier ist, ist mir das erst geworden, als einer unserer Freunde bei uns zu Besuch war und einen Anruf bekam. Man sagte ihm, einer seiner Freunde sei soeben ausgeraubt und danach niedergeschossen worden. Auf dem Weg ins Krankenhaus ist er dann gestorben.
Auch bei uns in der Straße kam es hin und wieder zu Schießereien.
Arbeit in den Zentren
Nach Weihnachten haben wir erst einmal zwei Wochen lang in den Küchen gearbeitet. (Siehe auch den 2. Bericht von Ruth.) Zum Abschluss machten wir Reibekuchen mit Apfelmus, welche mehr oder weniger gut ankamen.
Mitte Januar wechselten wir dann schließlich nach Las Torres. Wie erwartet habe ich mich schnell eingelebt. Viele der Kinder kannten mich schon von dem Weihnachtsbasar, den die Junge Asociación veranstaltet hatte, und auch von den wöchentlichen Lebensmittelbeschaffungen mit Señor Carlos und Señor Álvaro. Das Personal kannten wir beide auch schon. Die Sprache wird von Tag zu Tag immer besser und es klappt meistens problemlos, den Kindern die Hausaufgaben zu erklären.
Das Arbeitsklima ist hier auch ein ganz anderes. Das liegt zum einen daran, dass das Zentrum unabhängiger ist als die, in denen wir zuvor gearbeitet haben. Es ist keine Vorschule und deshalb keinen staatlichen Vorgaben wie Schuluniformen oder Lernstoff unterworfen. Zum anderen auch am Alter. Mit Sieben- bis Zwölfjährigen kann man mehr reden, als mit Drei- bis Fünfjährigen. Ich hab hier auch viel mehr von den schweren Schicksalen einiger Kids erfahren.
Ein Mädchen beispielsweise muss öfters mal abends für die kranke Oma, bei der es wohnt, arbeiten. Es verkauft dann bis nachts drei Uhr Zigaretten, obwohl es gerade erst elf Jahre alt ist. Nach solchen Nächten ist es dann meist zu müde, um mit ihm richtig arbeiten zu können.
Ein anderer Junge ist immer zu müde. Das liegt daran, dass er nachts immer mit seinem Vater bis fünf Uhr morgens Fernsehen guckt und Kaffee trinkt. Während die anderen Kinder arbeiten oder spielen schläft er meistens.
Das Projekt von Paulina
An einem Donnerstag Ende Februar fragte mich Gisela, ob ich am Montagmorgen Paulina im Büro abholen könnte, um ihr die Zentren vorzustellen. „Ja, wer ist denn Paulina?“, fragte ich. Gisela konnte mir sagen, dass der Freundeskreis eine Zusammenarbeit mit Forrest Watch geplant hat und jetzt eine Freiwillige geschickt wird, um einen Ausflug an den Strand mit den Kindern durchzuführen. (Ausführlich berichtet Ruth über das Projekt.)
Das Storchen- und das Poi-Projekt (Über das Storchenprojekt berichtet Ruth.)
Das Poi-Projekt: Poi kommt von den Maori, den Ureinwohnern Neuseelands und bedeutet Ball. Genauer gesagt sind es aber Bänder, an denen sich kugelförmige Körper befinden. Mit diesen Geräten jongliert man. Es ist aber nicht wie das herkömmliche Jonglieren. Viele Poi-Spieler benutzen auch sogenannte Feuer-Poi, bei denen man die Kugeln anzündet, was wir mit den Kindern natürlich nicht machen, dazu gehe ich gleich noch näher drauf ein, was wir denn genau vorhaben.
Angefangen die Poi zu nähen haben wir schon vor Ostern. Fertig geworden sind wir aber erst danach. Wir brauchten knapp 30 Paar Poi. Es fehlen zwar noch um die zehn, aber da wir nie mit allen Kindern gleichzeitig trainieren, haben wir bis Ende Juli Zeit, die restlichen herzustellen.
Während der Trainingseinheiten erzähle ich den Kindern immer ein bisschen über die Poi, wo sie herkommen, wer die Maori sind und sonst noch interessantes über die Sportart und was ich über Neuseeland weiß.
Die Motivation war schnell da, allerdings nur für kurze Zeit. Sobald irgendwelche Tricks nicht klappen, verzweifeln die Kinder sehr schnell. Ein Mädchen ist in der Gruppe, das sehr talentiert ist. Es hat sich in einer Woche das angeeignet, was ich in knapp einem halben Jahr gelernt habe. Da ich diesen Sport erst seit einem Jahr betreibe, wird es mir bestimmt bald einiges beibringen.
Aus der Jungen Asociación haben einige angeboten zu helfen. Einer unserer Freunde war auch schon ein paarmal dabei und hat geholfen.
Meine Vorstellung ist es, am Ende eine Aufführung zu machen, bei der die Kinder in drei Gruppen auf die Bühne kommen und eine einstudierte Choreographie zu bestimmten Liedern vorführen. Als erstes Lied fände ich eine Maori-Lied gut, wobei es recht schwer ist, etwas vernünftiges zu finden. Aber ich werde nicht aufgeben. Die anderen beiden Lieder können dann etwas moderner sein. Vielleicht sogar einheimische Salsa-Musik. Die Aufführung sollte in einem dunklen Raum statt finden, da ich hier um die 200 Knicklichter habe, die man gut an die Poi befestigen kann. Das hätte einen schönen Effekt. Ich hoffe, dass alles so klappt, wie ich es mir vorstelle. Eigentlich läuft in Venezuela nichts wie geplant, aber ich bin da trotzdem sehr zuversichtlich.
Im Großen und Ganzen kann ich nur hoffen, dass die letzten vier Monate nicht all zu schnell vergehen und ich noch eine Menge Spaß haben werde. Die Arbeit mit den Kinder, wie auch Venezuela im Allgemeinen sind mir sehr ans Herz gewachsen. Auch die Kinder sind sehr froh über die deutschen Freiwilligen. Ein Junge fragte mich, ob ich ihn mit nach Deutschland nehmen kann, um ihn dann zu Niklas (ehemaliger Freiwilliger) zu bringen. Und wenn ich dann ab und zu im Retiro zu Besuch bin und alle Kinder angerannt kommen und sich einfach nur freuen, mich zu sehen, ist das echt schön. Ich danke nochmals allen, die mir dieses Jahr ermöglicht haben und ganz besonders dir, Christel Schuck.
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