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Die Ankunft - Llegada en Caracas
Seit Montag bin ich nun hier. Heute ist Donnerstag, in Deutschland allerdings schon Freitag. Die Ankunft war recht kompliziert. Erst musste ich ein Visum ausfüllen ... Dazu gab es noch den Zettel für Waren, die man deklarieren muss. Viel Aufwand, hat im Endeffekt aber niemanden interessiert. Aber erst einmal in der Wohnung angekommen, nach einer langen Fahrt auf einer venezolanischen Autobahn, war alles gut. Die Fahrt dauerte so lang, weil es gerade Rush Hour war und nicht, weil der Weg so lang war. Die Verkehrsverhältnisse sind hier schon heftig. Ich hab auf der Autobahn einen Pickup gesehen, auf dessen Ladefläche ein Kind um die 10 Jahre saß und einen Stock geschnitzt hat – auf einer Autobahn!!!
Die Nächte hier sind auch nicht wie in der weit entfernten Heimat. – Es sei denn, Deutschland hat gerade das Halbfinale in der EM gewonnen, aber selbst das ist noch ruhig gegen hier. Es ist hier einfach immer laut. Autos fahren mit dröhnendem Reggaeton vorbei, die Busse sind auch nicht die neusten und klingen wie alte Propellermaschinen und das gleiche gilt auch für Motorräder. In unserer Wohnung stinkt es übrigens wie auf einer Kartbahn.
Es ist schon komisch, wenn man abends im Bett liegt und Schüsse hört. Es ist aber bei weitem nicht so, dass alle mit gezogenen Waffen hinter brennenden Autos sitzen. Man hört Abends ganz selten - dreimal in 5 Tagen - ein paar Schüsse. Die Armut ist hier im Barrio allgegenwärtig. Man sieht es weniger an den Menschen selbst, als an den Lebensumständen. Die Autos sind typische „Pulp-Fiction-Karren“ – nur älter und total hinüber. Die wären vermutlich vor 50 Jahren schon nicht über den TÜV gekommen. Die Wohnungen sehen - zumindest von außen - einsturzgefährdet aus. Die Menschen allerdings sind alle freundlich und sehen alle genauso glücklich wie gepflegt aus. Mit anderen Worten: Wenn man sie in einer anderen Umgebung treffen würde, würde man annehmen, sie kämen nicht von hier.
Erster Arbeitstag
7:15 Uhr aufstehen, kalt duschen und schnell zur Arbeit. Angekommen gab es erst einmal einen Kaffee und eine Empanada. Ein typisches venezolanisches Frühstück, was in Deutschland und selbst in Großbritannien zu fettig ist, um es so frühmorgens runterzukriegen. Aber egal, ich muss ja eh zunehmen. Danach ging es nach oben zu Maestra (Erzieherin) Rosa und den Kindern der 3. Gruppe der Vorschule. Das war soooo anstrengend. Alle wollten sie auf den Arm genommen werden und durch die Gegend geschwungen werden. Einmal angefangen durfte ich dann nicht mehr aufhören. Und mit meinen Spanischkenntnissen zu sagen, „Nein Kids, ich kann nicht mehr“ war auch nicht leicht. Wir saßen danach im Kreis und alle haben sich vorgestellt. Anschließend wurden Mitmach-Lieder gesungen, bei denen ich selbstverständlich auch mitmachen musste, obwohl ich nichts verstanden habe. Natürlich wollten die Niños (Kinder) auch ein deutsches Lied hören. Mir fiel da nur „Alle meine Entchen“ ein, weil das spanische Lied zuvor dieselbe Melodie hatte. Um 9 Uhr gab es dann Frühstück, noch zwei weitere Empanadas und ein Getränk aus Haferflocken.
Bei den Gruppenarbeiten, bei denen gemalt und geschrieben wurde, stritten sich die Kinder, zu welcher Gruppe ich gehen sollte. „Darren es mi pana!!!“ „No!! Èl es mi amigo!!!“ Ich habe mich dann mal zu allen Gruppen abwechselnd gesetzt. Als sie fertig waren, ging es aufs Dach, auf dem sich ein kleiner Spielplatz, bestehend aus einem kleinen Häuschen, einer Rutsche und zwei Stangen zum Dranhängen, befindet. Hier durfte ich die Kinder wieder an die Stange heben, da sie da nicht selbstständig dran kamen. Danach, so gegen zwölf, halb eins gab es Mittagessen. Suppe, Omelett, Gemüsebananen und Reis. Nach dem Essen haben die Kiddis Mittagschlaf gemacht. Was für eine himmlische Ruhe. Fast 2 Stunden.
Als sie dann allmählich alle wach waren, gab es Wackelpudding und Kekse. Später durften sie dann mit Knete spielen und ich sollte ihnen helfen, da sie alle versucht haben, damit Krallen zumachen, es aber nicht hinbekamen. Kurz nach vier Uhr durfte ich dann gehen.
Alltag – Día por día
Die Arbeit ist in den letzten Tagen nicht leichter geworden. Im Gegenteil. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes schwerer geworden. Die Kinder wollen immer noch irgendwo hochgehoben oder Huckepack genommen werden.
Freitags helfe ich immer Señor Álvaro und Señor Carlos beim Einkaufen. Pik-up fahren und Kisten schleppen. Als wir zum Großmarkt in la Coche gefahren sind, ist Ruth mitgekommen. Hier wird immer Fleisch und Fisch für einen Monat gekauft. Der Großmarkt war so, wie ich mir einen in einem Land wie Venezuela vorgestellt habe. Großes Chaos, viel Müll, viel Gestank, viele Menschen und Hitze. Wir waren gegen zwölf Uhr da. Ab eins wird angeblich aufgeräumt. So ganz glaube ich das aber nicht. Wahrscheinlich wird unter aufräumen auch abbauen verstanden.
Die Arbeit in den Zentren verläuft ziemlich gut. Mit den Mitarbeitern verstehe ich mich so ganz gut, aber auch sprachlich immer besser. Die Kinder versuchen manchmal herauszufinden, wie weit sie bei mir gehen können. Ich schaffe es, klare Grenzen zu ziehen, auch wenn ich nicht immer die richtigen Worte finde. Streite schlichten überlasse ich deshalb lieber den Maestras. Ich kann ja schlecht ein Kind ermahnen, wenn ich nicht einmal verstanden habe, was es getan hat und ob es überhaupt Schuld hat.
Zwischendurch sind die Kinder verdammt anstrengend. An einem Tag hat die Maestra mich mit den Kindern alleine gelassen. Sie sollten in ihren Schreib-Lern-Büchern weiterarbeiten. Ein Junge kam an und sprang mir von hinten an den Rücken. Ich sagte ihm, er solle weiter arbeiten gehen und mich nicht einfach von hinten anspringen. Aber er meinte, er haben keine Lust. Also bin ich mit ihm zusammen zu seinem Platz gegangen. Er fing dann auch wieder an zu arbeiten. Als ich einem Mädchen geholfen habe, sah ich, dass dieser Junge sich mit einem anderen Mädchen zusammen die Haare schnitt. Ich nahm ihnen die Schere ab, aber im selben Moment war das Geschreie an dem Tisch, an dem ich anfangs saß, groß. Zwei Jungen haben sich geprügelt. Ich habe nicht verstanden weswegen und wer was wie gemacht hat. Zum Glück kam die Maestra wieder. Streit schlichten in spanischer Sprache klappt noch nicht.
Ein Junge, der auch an dem Streit beteiligt war, ist mir aufgefallen. Ich habe das Gefühl, er wird zu Hause schlecht behandelt. Er hatte heute zum Beispiel eine Wunde unterm Auge. Einen kleinen Bluterguss. Er wirkt auch ziemlich in sich gekehrt. Mir ist auch öfter aufgefallen, dass der Junge alleine spielt. Das tut in dieser Gruppe sonst kaum jemand. Er isoliert sich ein wenig. Als ich mich zu ihm setzte, um mit ihm zu spielen, strahlte er vor Freude. Er hat mir dann auch irgendwas von seinem Vater erzählt. Ich habe nicht viel verstanden.
Ruth und ich wurden zur Reunión der Asociación Joven eingeladen. Die Kinder einiger Mitarbeiter, unter anderem der Leiterin der Asociación, haben eine sogenannte „Junge Asociación“ gegründet, um den Verein zu unterstützen. Ähnlich wie es auch Las Torres in Deutschland macht. Sie haben auch vor, Bücher zu verkaufen, Straßenfeste zu organisieren oder einfach Spender zu finden. Angefangen mit einem leckeren Frühstück und verständlichem Spanisch ging es weiter mit einer Besprechung, bei der ich nicht allzu viel verstanden habe, denn bei den ganzen Diskussionen wurde sehr schnell und sehr viel durcheinander gesprochen. Ich weiß jetzt nicht viel mehr, als ich vorher schon wusste.
Danach haben wir ein bisschen über unsere Pläne gesprochen. Wir wurden gefragt, was wir für ein Projekt geplant haben. Ehrlich gesagt hatten wir noch gar nichts geplant. Ich habe einfach mal ein paar Ideen in den Raum geworfen. Einfach Sachen, die ich – zumindest halbwegs – kann. Irgendetwas Handwerkliches wie Holzarbeiten war ein Vorschlag, da es in den Zentren auf Grund von Personalmangel nicht möglich war, so etwas in den letzten Jahren durchzuführen. ... Eine andere Idee war irgendwas in Richtung Sport. Ich jongliere nämlich mit Poi. Das sind quasi zwei Kniestrümpfe, in denen sich ein Luftballon gefüllt mit Reis befindet. Ganz einfach herzustellen. Dadurch kamen die anderen auf die Idee, dass wir ein Zirkusprojekt durchführen könnten. Ich finde die Idee gar nicht mal so übel. Da kann man nämlich einfach alles rein bringen. Ob Musik, komische Clowns, oder Akrobatik. Es passt einfach alles. .....
Was die Religion angeht, gibt es hier eine große Doppelmoral. In den Zentren, wie auch im ganzen Land. Angefangen mit dem Tischgebet, was nur die Kinder abhalten, die Maestras nicht – genauso, wie auch nur die Kinder Sprechverbot beim Essen haben. Vom Staat gibt es hier ein Programm namens „Misión Cultura“. Dabei soll den Kindern nicht nur Musik, Sport und Kunst beigebracht werden, sondern auch Religion. Dazu gibt es ein Buch. „Jesus liebt alle Kinder“. Ich finde dieses Buch sehr fanatisch. Zum Beispiel steht da drin, dass alle Missionare der Kirche sind und den Namen Gottes auf der ganzen Welt verbreiten sollen. Die Maestras sind dazu aufgefordert, den Kindern nahezu bringen, dass Gott der Schöpfer von allem ist.
Maestra fragt: „Wer hat das Universum erschaffen?“ - Alle Kinder grölen: „DIOOOOOSSSSS“
„Wer?“ - „DIOOOOOSSSSSS“
„Und wer hat die Bäume, Tiere und Pflanzen erschaffen?“ - „DIOOOOOOOSSS“
„Und wer…“
Die Bazare in der Vorweihnachtszeit waren sehr anstrengend. Wir mussten immer eine Plakatwand und mehrere Kisten mit Verkaufssachen mit uns schleppen. Mit all den Sachen wollten uns auch nicht alle Taxifahrer mitnehmen. Beim letzten Bazar gab es noch mehr zu tun. Der wurde komplett von der „Jungen Asociación“ organisiert. Es gab eine Rally für die Kinder, Essensstände, Tombola und, und, und. Weihnachtsstimmung kam bei Ruth und mir allerdings bei keinem der Bazare auf. Bei 30 Grad unter Palmen und lautem Reggaeton funktioniert das einfach nicht. Aber trotzdem haben die Bazare viel Spaß gemacht.
Für den letzten Bazar hatten wir einen Auftritt mit den Kindern geplant. Wochenlang haben wir mit ihnen gesungen. Sie haben erstaunlich schnell „Last uns froh und munter sein“ gelernt. Ich habe sie dann meistens mit Gitarre begleitet. Zusätzlich hatten wir noch drei venezolanische Weihnachtslieder, aber die Kinder hatten mehr Spaß deutsch zu singen. In dem Zusammenhang haben wir angefangen, Rasseln zu basteln, die dann bei einem Auftritt zum Einsatz kommen sollten. Leider ist es aus verschiedenen Gründen nicht dazu gekommen.
Über Weihnachten wurden wir nach Merida eingeladen. Aber selbst hier kam keine Weihnachtsstimmung auf. Zwischen Bananenstauden, Kokospalmen, Kaffeepflanzen und was es sonst noch für exotische Früchte da gab, der Hitze, den gackernden Hühnern und den Schweinen - es war einfach nicht dasselbe. Obwohl es eigentlich sehr weihnachtlich hätte sein müssen. Jesus ist ja schließlich auch zwischen Palmen und Tieren in brütender Hitze geboren.
Ich bin total gespannt, was ich sonst noch für neue Dinge hier kennen lernen werde. Die ersten drei Monate waren sehr eindrucksvoll. Mittlerweile sehe ich hier einiges mit anderen Augen. Ich fühle mich hier schon zuhause. Auch die Arbeit in den Zentren macht mir Spaß. Besonders schön ist es immer, wenn ich mal in El Retiro bin und mich die Kinder alle total erfreut begrüßen. Ich hoffe, dass ich mich in Las Torres auch so schnell zurecht finden werde. Einen Vorteil habe ich ja schon mal. Ich kenne mich besser in Kultur und Sprache aus und habe sogar einige der Kinder zuvor kennen gelernt, genauso wie die Maestras.
Ich bereue dieses Abenteuer jedenfalls nicht. Ich bin echt dankbar, hier sein zu dürfen und bin auch ziemlich sicher, dass sich das auch nicht ändern wird. |
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